Austausch 1998

Bettina Keller - 1998: Erinnerungen an den Polenaustausch

Das erste, was mir einfällt, wenn ich an den Austausch denke, ist Lachen! Kein, wie ich erst erwartet hatte, rein aus Höflichkeit erzwungenes Lachen, nein, ungezwungen und aus ganzem Herzen!
Mir war nach der Vorbereitung klar, daß ich in ein für unsere Verhältnisse ziemlich armes Land reisen würde, mit dessen Vergangenheit ich mich auseinandersetzen mußte. Ich würde nicht nur als ganz spezielles Individuum, sondern auch als Deutsche mit deutsch-polnischer Geschichte dort auftreten müssen. Dachte ich... denn es war nicht so, oder nur zu einem geringen Teil. Alle Bedenken zur deutschen Identität als ehemaliger Feind erwiesen sich in weiten Zügen als unnötiger Schuldkomplex. "Das ist doch längst vorbei", erklärte mir Justina, meine Austauschpartnerin, als ich etwas in der Richtung erwähnte. "Ich weiß gar nicht, warum ihr euch einen solchen Kopf darum macht!?" Auch beim Besuch der Gedenkstätte(*) waren die polnischen Schüler überrascht von unserer Demut vor diesem Ort. Für sie war es wohl eher, wie wenn wir uns antike Kriegsstätten ansehen.
Nein, hier begegneten sich einfach zwei Schülergruppen, zwar aus unterschiedlichem kulturellem Zusammenhang, aber doch eben einfach nur Jugendliche, die etwas miteinander erleben wollten. Und wir erlebten viel, das Programm war ziemlich (vielleicht ein bißchen zu) voll! Ich erlebte, was es heißt mit einer fünfköpfigen Familie in einer dafür winzigen Plattenbauwohnung zu leben und dabei noch ein eigenes Zimmer zugeteilt zu bekommen. Ich erfuhr die herzliche und umsorgende Gastfreundschaft der Polen. Ich merkte, daß Sauerkraut und Würstchen auch zum Frühstück schmeckt und könnte jetzt ewig so weiter machen mit den vielen tausend kleinen und großen Erfahrungen, die ich von dieser Reise mitgenommen habe. Beeindruckt hat mich vor allem die Landschaft um Gorzno, mit ihren wunderschönen Seen und weiten Feldern. Schwierig hingegen war für mich, und das hatte ich so nicht erwartet, die Auseinandersetzung mit der strikten Gläubigkeit und dem Katholizismus einiger Polen. Ich selber bin gläubige Christin, aber als ich feststellte, daß in jedem Zimmer der Wohnung ein Bild des Papstes hing, das über meinem Bett war sogar mit einer Rose geschmückt, mußte ich das erste Mal schlucken. In Deutschland dann brach eine Diskussion zur Einhaltung der Kirchgangspflicht und der Unfehlbarkeit des Papstes aus, deren Heftigkeit - sicher auch von meiner Seite aus - mich doch erschreckte. Nun ja.
Trotz dieser kleinen Meinungsverschiedenheit hatten wir eine Unmenge an Spaß, vor allem an den Abenden in den Pubs: Pivo und Lieder bis spät in die Nacht! Selten habe ich auf einer Klassenfahrt soviel gesungen und getanzt. (Hierzu muß ich sagen, daß die polnischen DJs die Angewohnheit haben, mitten im Lied die neue Platte aufzulegen, und dann folgen den Boygroups Schlager, dann Techno und dann wieder Rock'n Roll.) Und noch seltener habe ich so lustige Busfahrten mit Schlaglöchern und unserem unverwechselbarem Detlev, dem Fahrer erlebt. Es war eine wunderschöne Reise, und ich werde sicherlich wieder nach Polen fahren mit dem Wissen, dort Freunde gefunden zu haben.



(*)Diese Gedenkstätte erinnert an eines der nationalsozialistischen Massaker, bei dem Tausende der Intelligenz Toruns, also Ärzte, Anwälte, Wissenschaftler und Lehrer, in den nahen Wald geschleppt und erschossen wurden. Wir besuchten die Gräber am 1. Mai, legten Blumen nieder und sangen die "Moorsoldaten".