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Jambo - Wer hat Lust, mit nach Afrika zu fahren?

Mit dieser unspektakulären Frage im UNDUDU-Schaukasten des Hainberg-Gymnasiums startete im letzten Frühjahr unser Abenteuer Tanzania 2000. Meldeten sich zunächst um die zwanzig interessierte Schüler und Schülerinnen, so reduzierte sich diese Zahl während eines Klärungsprozesses von einigen Wochen auf die von unseren afrikanischen Partnern gewünschte Gruppenstärke von zehn Personen (Lehrer einbezogen).
Und dann ging es los mit der Vorbereitung! Wir wollten uns nicht nur inhaltlich auf das Unbekannte einstimmen, sondern auch auf dem Gebiet der musikalischen Unterhaltung zumindest keine blamable Vorstellung liefern, wussten wir doch, dass ein solcher Beitrag von uns erwartet wurde. Also wurde, neben der Beschäftigung mit der Kolonialgeschichte und geeigneter Malariaprophylaxe, das Liedgut der Gruppe gefestigt und erweitert. Und ich muss sagen, dass es sich gelohnt hat. Wir haben in Tanzania nicht nur in unserer Partnerschule während der „Graduation Day“-Feier vor großem Publikum gesungen und gespielt, ohne dass wir hätten schamviolett anlaufen müssen, sondern auch in kleineren Kreisen mit Schülerinnen und Schülern der Lwandai Secondary School musiziert, was uns spürbar einander näher gebracht hat. Ein anderer Höhepunkt unseres musikalischen Schaffens war sicher auch der „Auftritt“ im Massaidorf, bei dem wir die Massaifrauen zum Mitsingen und sogar zum Juchzen gebracht haben.
Für die Vorbereitung hatten wir uns ja eigentlich noch viel mehr vorgenommen. Aber wer terminstressgeplagte Schüler kennt und weiß, dass auch Lehrer hin und wieder Verpflichtungen haben sollen, der kann sich vorstellen, dass gewisse Abstriche bei der Planung vorprogrammiert waren.
Wir haben jedoch alles ganz gut hinbekommen, konnten sogar noch behördliche Steine aus dem Weg räumen, und dann war es am 7.Oktober 2000 um 4.30 Uhr soweit, dass wir aus Göttingen in Richtung Hannover/Flughafen starten konnten.
Über die Reise und ausgewählte Aspekte berichten die Mitglieder unserer Gruppe in den folgenden Berichten selbst. Ergänzt werden diese durch Unterlagen, die sich im Verlauf der Vor- und Nachbereitung angesammelt haben.
Als einhelliges Ergebnis aller TeilnehmerInnen kann jedoch an dieser Stelle schon festgehalten werden: Es war einfach ZANZIBAR !!!

Samstag, 7.10.2000, Kilimanjaro Airport, Tanzania/ Ostafrika:
Warme Luft strömt mir entgegen, als ich aus dem Flugzeug trete und die Treppe heruntersteige. Mein erster Gedanke: AFRIKA! Jetzt bin ich da! Ich reiße die Arme nach oben, strecke mich ganz weit und ziehe den Duft in mich hinein. Noch kann ich es nicht ganz begreifen, dass ich wirklich hier bin, doch ich spüre, dass Europa nicht nur geographisch, sondern auch in meinem Kopf ganz weit weg ist. Wie in Trance gehe ich in die Halle des Flughafens: Impfausweis zeigen, Reisepass zeigen, Koffer abholen, dann in einen Bus und ab nach Arusha in unser erstes Quartier. Afrika zieht draußen an mir vorbei , und ich bin immer noch sprachlos: Was für eine andere Welt! Und wir mitten drin.
Auf einer Bar – Toilette in Arusha begegnet uns der erste afrikanische Salamander, im Hotel laufen Käfer über den Boden, und ich wundere mich über mich selbst, denn es stört mich kein bißchen. Der Zauber Afrikas hat mich schon völlig in seinen Bann gezogen.
Doch schon am zweiten Tag muss ich feststellen , dass es nicht nur Sonnenseiten gibt. Die Armut, die sich uns zeigt, macht mir mehr zu schaffen, als ich gedacht hätte. Ich könnte heulen, wenn kleine schmutzige Kinder zu mir ankommen, mir ihre Hände hinstrecken und mich mit großen traurigen Augen anschauen. Hilflos bin ich in so einem Moment. Denn was soll ich tun?
Natürlich hätte ich genug Geld, das ich abgeben könnte, aber ist das wirklich der richtige Weg? Helfe ich einem afrikanischen Kind, wenn ich ihm 100 Schillingi in die Hand drücke? Kurzfristig vielleicht, aber auf lange Sicht gesehen nicht.
Denn die Abhängigkeit dieses Kindes von europäischen Touristen verkleinert sich damit nicht. Ist es wiederum nicht aber genauso beschissen, den Kopf zu schütteln, wegzugehen und das Kind ohne die 100 Schillingi seinem Schicksal zu überlassen?
Diese Fragen gehen mir immer und immer wieder durch den Kopf. Sie hören nicht auf. Und es wollen sich einfach keine Antworten finden. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich wahrscheinlich daran kaputt gegangen wäre, wenn ich nicht in einer so schönen Gruppe hierher geflogen wäre.
Wir haben viel über den Umgang mit dem Elend, über die wirtschaftlichen Unterschiede, die soziale Ungerechtigkeit und unser schlechtes Gewissen geredet. Und diese Gespräche haben uns allen sehr geholfen. Nicht, dass wir dadurch eine Patentlösung (die es sowieso nicht gibt) gefunden hätten, aber wir haben eine gewisse Stärkung bekommen. Wir sind selbstbewusster auf die Straße gegangen, haben gelernt, Geld nach unserem eigenen Ermessen zu geben und auch nein sagen zu können, ohne sich dabei so verdammt mies zu fühlen.
Eva Nolte, Jg. 12 , Teilnehmerin der Herbstdelegation 2000

 

Gefühle, Erfahrungen und Eindrücke während meiner zweiten Tansaniareise

Nachdem ich 1998 das erste Mal mit einer Schülergruppe vom HG nach Tansania gereist bin, um unsere Partnerschule in Mlalo zu besuchen, war nun die Zeit gekommen, um neue Eindrücke zu sammeln, um alte Bekannte wieder zu treffen und um zu schauen, was sich in den vergangenen zwei Jahren so verändert hat und was geblieben ist, wie es war.
Dadurch, daß ich bereits zum zweiten Mal nach Tansania gefahren bin, kam mir schon im ersten Moment, als ich aus dem Flugzeug stieg, alles sehr bekannt und bekannt vor, ich fühlte mich ein Stück weit so, als wäre ich in eine zweite Heimat zurückgekehrt. Die Atmosphäre auf dem Flughafen war mir immer noch sehr vertraut, genauso wie die Busfahrt durch die afrikanische Nacht nach Arusha. Ich saß einfach nur staunend dar, bewunderte die Anderen, die gerade damit beschäftigt waren, die neue Umgebung war zu nehmen und zu verarbeiten. Ich genoß diese einstündige Busfahrt: die Straße war nicht allzu holprig, die Nacht doch sehr hell und der Fahrtwind angenehm warm.
Am nächsten Tag, als wir über den Markt in Arusha gingen, kam mir wieder viele Altbekanntes auf mich zu, daß sich jedoch von der Busfahrt gänzlich unterschied: Das feilschen um die Preise, hier ein bischen zaudern, dort großzügiger sein, versuchen, einen angemessenen Preis zu bezahlen. Das war schon ein Stück tanzanische Kultur live miterleben.
Als wir dann nachmittags ein Maasaidorf besuchten, wurde ich zum ersten Mal in Tansania mit wirklicher Armut konfrontiert, die ich so vorher noch nie kennengelernt habe. Die Maasai waren derart arm, daß sie nicht genügend Nahrung für sich hatten! Diese Erfahrung habe ich in Mlalo vor zwei Jahren nie gemacht. Dies war für mich ein völlig neuer, sehr tiefgreifender Eindruck für mich, der wahrscheinlich auch am längsten in mir steckenbleiben wird. Das sich Menschen um Essen und Trinken streiten und dann auch noch das Essen im Normalfall nach der herrschenden Hierarchie verteilt wird, wobei die Ältesten natürlich bevorzugt werden, obwohl alle gleich schlecht dran sind, das schockierte mich sehr.
Das Bizarre ist, daß wir bereits am nächsten Tag im Tarangire - Nationalpark waren, dort die Vielfalt und Schönheit der Natur bestaunten, bewunderten und genossen und ich die Maasai bereits völlig aus meinem Gedächtnis verdrängt hatte. Ich hatte abgeschaltet, den vorherigen Tag hinter mir gelassen und mich einfach auf etwas völlig anderes eingestellt.

In Mlalo war dann die Zeit gekommen, um alte Bekannte wiederzutreffen, sich mit einander zu unterhalten und sich auszutauschen. Ehrlich gesagt war ich zum Einen überrascht, wie viele Menschen sich an mich erinnerten, zum Anderen verwundert, daß bei mir teilweise erst spät der Groschen viel und mir die Personen ins Gedächtnis zurückkehrten. Natürlich lernt man, wenn man zehn Tage in Mlalo ist, auch neue Leute kennen oder altbekannte besser kennen, weil man diesmal mehr Zeit mit ihnen verbringen konnte.
Während der letzten zwei Jahre hat sich in Mlalo auf den ersten Blick nicht viel verändert: Der Markt ist immer noch unten im Dorfzentrum, der Chief sitzt auf seinem Hügel und die Frauen waschen immer noch ihre Wäsche im Umba-River. Wenn es jedoch dunkel wird, dann sticht es einem geradezu in die Augen, denn seit Anfang des Jahres gibt es elektrischen Strom.
Die Vorteile liegen auf der Hand: mit elektrischem Licht läßt sich besser Arbeiten, Kochen oder Lernen wenn es dunkel ist, als bei Petroleumlampenlicht. Jedoch kann sich längst nicht Jeder diesen Luxus leisten. Die allerorts eingesetzten Neonröhren erzeugen ein Licht, das man aus Deutschland kaum noch gewöhnt ist. Es wirkt nicht warm oder beheimatend wie Kerzenlicht, sondern sehr grell, unangenehm und raubt Mlalo in der Nacht seinen idyllischen Charakter, den ich noch vor zwei Jahren erleben durfte. Dann wird einem erst richtig bewußt, wie Riesig der unterschied ist, abends bei Kerzenlicht oder bei elektrischem Licht zu sitzen.
Das Undugu-Netzwerk betreffend kann ich sagen, daß zum einen große Fortschritte erziehlt werden konnten, weil die Partnerschaft intakt ist, man sich austauscht und nicht zuletzt auch Geld floß, was unheimlich wichtig ist, um die Schulen zu renovieren. Zum Anderen bedaure ich sehr, daß in einem Fall die Partnerschaft von deutscher Seite gänzlich zum Erliegen gekommen zu sein scheint, es den Tansanen nicht möglich ist, mit ihren Partnern in Kontakt zu kommen, daß keine Gespräche miteinander stattfinden. Denn wenn man sich auf eine Partnerschaft einläßt, dann muß auch der Wille da sein, diese aufrecht zu erhalten und dann muß man auch seine persönliche Freizeit manchmal dafür opfern. Woran das Scheitern dieser Partnerschaft tatsächlich liegt, weiß ich leider nicht.
Na ja, es kam dann bald der Abschied von Mlalo, die zehn Tage waren um und wir reisten weiter. Es waren zehn wundervolle Tage wieder einmal gewesen, die sehr abwechslungsreich und voller neuer Eindrücke waren und von mir sehr intensiv erlebt wurden.
Wir verbrachten dann noch eine Woche auf Sansibar, wobei wir vier Tage in Nyungwi am Strand waren, den ich von der letzten Reise noch sehr gut in Erinnerung hatte. Als wir die letzten zwei Tage in Stonetown verbrachten, da bekam man zum Abschluß der Reise noch einmal völlig neue Eindrücke: durch die Präsenz der Araber in Stonetown war das Leben dort gänzlich unterschiedlich zum Leben in Mlalo. Die Arabische Architektur, Kultur und Religion, ein Hauch von Wohlstand und Luxus.
Am Ende war die Zeit doch schneller vorüber, als man es zunächst dachte. Rückblickend verging die Zeit rasend schnell, jedoch haben wir in diesen drei Wochen unheimlich viel erlebt und erfahren. Man hat schon die Möglichkeit gehabt, in dieser kurzen Zeit einen Einblick in die tansanische Lebensweise zu erhalten und, ich wiederhole mich, denn das Gleiche habe ich vor zwei Jahren auch schon gesagt, man hat mehr in diesen drei Wochen für sein Leben getan, als man dies in einem halben Jahr in der Schule vermag. Darum möchte ich an all diejenigen appellieren, die bereits in der Verantwortung sind oder dies sein könnten, diese Partnerschaft zu pflegen und aufrecht zu erhalten, denn sie bietet wirklich die Chance, sich gegenseitig kennen und verstehen zu lernen. Alle Schüler, die dieses lesen, möchte ich ausdrücklich dazu ermutigen, die Risiken einer solchen Fahrt nicht überzubewerten, die Kosten und den Aufwand nicht zu scheuen. Es wird sicherlich für euch eine der wenigen Möglichkeiten sein, solch ein Land zu besuchen, geschweigedenn einen solchen Einblick zu erlangen.

Christian Marchewka