Austausch 2014

Mit Blick auf den türkisgrünen Ozean vor Sansibar resümieren wir nun unsere Tansaniareise:

Voller Vorfreude und Aufregung verlassen wir nach ca. 28 Stunden Anreise den Flughafen in Dar es Salaam und sind mehrfach beeindruckt: in Tansania wird man schnell reich, 200 Euro sind 400.000 Tansanische Schillingi, die unsere Geldbörsen zum Überquellen bringen. Doch auch unsere weiteren Eindrücke sind beeindruckend:

Ein japanischer Bus bringt uns nach Bagamoyo, der ehemaligen Hauptstadt von Deutsch-Ostafrika. Auf der Fahrt können wir uns einen ersten Eindruck vom Leben in Tansania machen: Dar es Salaam gleicht einem heißen Ameisenhaufen. Bei jedem kurzen Stopp drängeln sich Händler, darunter viele Kinder, die in Deutschland zur selben Zeit ihren Hobbys nachgehen würden, um die Autos, um unterschiedlichste Waren anzubieten.

Verschwitzt und erschöpft erreichen wir das Paradies: Bagamoyo Country Club, der uns bei aller Freude über Strand, Meer, Palmen und das schöne Ambiente den Kontrast zwischen dem eigentlichem tansanischen Leben und dem Aufenthalt als Tourist deutlich vor Augen führt.

Unser erster Rundgang durch Bagamoyo macht uns mit zwei grundsätzlichen tansanischen Lebensprinzipien bekannt: pole pole und hakuna matata. Bei dem Erwerb tansanischer SIM Karten bekommen wir für 1 ½ Stunden die Möglichkeit, uns ausgiebig die staubige, heruntergekommene Hauptstraße Bagamoyos anzuschauen, weil hier alles eben pole pole (langsam, langsam) von statten geht. Bagamoyos glanzvolle Zeit, die mit der Abschaffung des Sklavenhandels zu Ende ging, lässt sich dabei jedoch nur noch schwer erahnen.  Gleichzeitig erleben wir die Einheimischen trotz ihrer Armut als sehr freundlich, aufgeschlossen und gelassen (hakuna matata - keine Probleme).

Ausreichend aklimatisiert fahren wir nach vier Tagen Richtung Südwest nach Mikumi, wo wir bereits am Straßenrand die ersten Tiere entdecken können, nein nein, keine Kühe, Schafe oder Hunde, sondern Affen, Giraffen und Zebras. Doch das war erst der Anfang: Dieser erste Eindruck wird durch zwei richtige Safaris übertrumpft. Die Highlights: eine Elefantenherde am Wasserloch bei Sonnenuntergang und ein Löwenrudel, das einen Büffel zum Frühstück niederstreckt.

Unsere nächste Reiseetappe sind die Usambaraberge. Nach 9 Stunden Fahrt kommen wir am 18.10.2014 in Lushoto und damit in den Usambarabergen an. Dort erfasst uns eine Krankheitswelle, die wir unserem Lunch in einer Raststätte zuschreiben und die 80 % unserer Gruppe mehr oder weniger intensiv und lange ausknockt. Details gibt das engagierte Pflegeteam aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht nicht preis. Aber lasst euch gesagt sein, abgestellte Toiletten sind bei einer Durchfallepidemie kein Spaß. In Lushoto beginnt zumindest für die halbwegs gesunden Mitglieder unserer Gruppe der offizielle Teil der Reise. Wir besuchen ein Waisenhaus, eine Blinden-, bzw. Sehgeschädigtenschule (Irente School for the Blind) und eine Behindertenschule (Rainbow School). Dort überreichen wir finanzielle und materielle Spenden und können ein wenig mit den Kindern spielen und uns die Einrichtung erklären lassen. Besonders beeindruckt hat uns das Waisenhaus, weil sich die Mitarbeiter komplett durch Landwirtschaft selbst versorgen und auch dort wohnen. An der liebevollen Gestaltung des ganzen Geländes, dem Bau eines neuen Hauses und nicht zuletzt dem Umgang mit den Kindern, können wir das Engagement erkennen, dass die MitarbeiterInnen jeden Tag zeigen. Hier lernen wir auch weitere tansanische Traditionen kennen: Sehr süßen Tee und das Handwaschritual, das vor jedem Essen zelebriert wird. Eine Frau des Hauses übergießt die Hände des Gastes mit lauwarmen Wasser aus einem Krug und fängt das Wasser mit einer Schüssel auf, die sie in der anderen Hand hält. Wir würden einfach ins Bad gehen, aber dieses Ritual wirkt doch deutlich gastfreundlicher.

Die Fahrt nach Mlalo gestaltet sich abenteuerlich-interessant, da die Autos nicht ausreichend Sitzplätze zur Verfügung haben und sich nach relativ kurzer Zeit die Asphaltstraße in eine staubige Buckelpiste mit tiefen Schlaglöchern verwandelt.

Im Missionshaus in Mlalo erwarten uns Pia, Mama Elisa und Afizai und mit ihnen das leckerste Essen, das wir auf der gesamten Reise bekommen. Rückblickend lässt sich sagen, dass die Zeit dort trotz kalter Dusche, nur zwei Toiletten und rauchgefüllten Zimmern wegen der offenen Feuerstelle in der Küche, die gemütlichste und heimeligste der Reise war. Das Missionshaus  war nach kürzester Zeit unser zu Hause.

Mlalo ist das inhaltliche Herzstück unserer Reise, weil wir hier vor Ort unsere Partnerschaft mit der Lwandai Secondary School pflegen und ausbauen. Die Lwandai Secondary School ist ein reines Internat für Mädchen und Jungen, die aus den unterschiedlichsten Regionen und Stämmen Tansanias kommen. Während Herr Peter und Frau Lieberknecht die anderen Schulen des UNDUGU Netzwerkes besuchen, führen wir in „Kleingruppen“ mit ca. je 30 Schülern Workshops durch, in denen wir verschiedene Aspekte des tansanischen und deutschen Lebens vergleichen. Unsere Themen sind unter anderem Essen, Kultur, Umwelt, Familie, Freunde und Geschlechterrollen. Wir sind beeindruckt und überrascht, wie offen, aufgeklärt und selbstverständlich die Schülerinnen und Schüler auch über  schwierige Themen wir HIV und Beschneidung sprechen und wie deutlich sie die Probleme Tansanias benennen. Eine Gruppe behandelt das Thema UNDUGU und die Begeisterung der tansanischen Schülerinnen und Schüler ist toll. Bei unserem ersten Rundgang durch die Schule haben wir gemerkt, dass im Gegensatz zum Hainberg-Gymnasium viele Schülerinnen und Schüler und auch Lehrer kaum  etwas von der Partnerschaft unserer beiden Schulen wissen. Wir hoffen, dass unser Besuch dazu beiträgt, dies durch regelmäßigen Kontakt zu ändern. Wir merken jedoch schnell, dass sich die Kommunikation und Aufrechterhaltung des Kontaktes schwierig gestalten wird, da die Schülerinnen und Schüler weder Handys benutzen dürfen, noch Zugang zu internetfähigen Computern haben.

Bei den Workshops zeigt sich auch, dass viele Schülerinnen und Schüler das Müllproblem und die Umweltverschmutzung in Tansania wahrnehmen und sich fragen, warum es bei uns in Deutschland so sauber ist. Nun, bei unserer gemeinsamen Wanderung auf den Mount Segeruma erschließt sich uns ein Teil des Problems: Für uns ist es sehr irritierend, mit welcher Selbstverständlichkeit die Schülerinnen und Schüler ihren kompletten Plastikmüll in der Landschaft hinterlassen. Uns ist es unangenehm sie auf ihr Verhalten anzusprechen, weil wir nicht besserwisserisch und belehrend erscheinen wollen, außerdem gibt es in Mlalo praktisch keine Mülleimer, ganz zu schweigen von einem organisierten Müllentsorgungssystem.

Ein Highlight in Mlalo ist das gemeinsame Singen mit den Golden Voices, dem inoffiziellen Schulchor der Lwandai Secondary School. Obwohl die Golden Voices komplett selbst organisiert sind, ist ihr Gesang professionell und emotional so anrührend, dass sie uns zu Tränen rühren.

Auf unsere Woche in Mlalo können wir mit einem lachendem und einem weinenden Auge  zurückschauen. Wir freuen uns, so viele neue nette Menschen kennen gelernt zu haben, wodurch uns der Abschied aber umso schwerer fällt. Am Sonntag stehen Gottesdienst und am Abend die Farewell Party an. Letztere entspricht nicht ganz unseren Vorstellungen einer Party, da sie sich als ein formelles Abendessen mit vielen Reden herausstellt. Der hohe Redeanteil des Pastors führt uns noch einmal vor Augen, was für eine wichtige Rolle Religion und Glaube in dem Leben der Menschen spielt (dies zeigte sich unter anderem auch bei dem 2 ½ stündigen Gottesdienst am Morgen). Fairerweise sollten wir sagen, dass einige Reden unsere Gefühle und Wünsche besser widergespiegelt haben als wir das erwartet hätten.

Nach dieser intensiven und auch anstrengenden Woche in Mlalo starten wir noch vor Sonnenaufgang nach Zanzibar. Bei der Einreise kommt es zu einem kulturellen Austausch der besonderen Art: Gretas und Ninas Taschen werden kontrolliert, dabei findet der vermutlich muslimische Zollbeamte einen Tampon, den er wohl für eine Bombe hält. Nachdem Nina ihm den Sinn und Zweck eines Tampons erklärt hat, lässt er die beiden dann bereitwillig und offensichtlich peinlich berührt einreisen.

In Jambiani, einem kleinen Ort an der Ostküste Zanzibars, sind wir in der abgeschotteten Ferienanlage ‚Casa del Mar’ untergebracht. Die Anlage ist das komplette Gegenteil zum wahren Leben im Ort. Allgemein ist es für uns ein merkwürdiges Gefühl hier auf Zanzibar. In Mlalo stachen wir zwar aufgrund unserer Hautfarbe hervor, aber wir haben uns durch unseren intensiven Kontakt zu den Menschen dort nicht so sehr als Touristen gefühlt. Hier ist man unter sich und der einzige Kontakt besteht darin, überteuerte Souvenirs runterzuhandeln und sich gegen aufdringliche Händler zu wehren. Bei aller Sozialkritik müssen wir trotzdem sagen, dass wir das türkisblaue Wasser, schwimmen, schnorcheln, lesen, abhängen und die Sonne ziemlich genießen. Wir haben viele neue und verschiedene Eindrücke und Erlebnisse gesammelt und der Abschied fällt uns schwer. Wahrscheinlich werden wir noch lange brauchen, all dies zu verarbeiten.

Arne, Marlene, Nina, Nora, Greta und Lieselotte Lieberknecht

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