UNDUGU - Eine persönliche Geschichte

Lieber UNDUGU - Freundeskreis, in letzter Zeit hin ich mehrfach gebeten worden, einen Beitrag für die Festschrift zum 10 -jährigen Bestehen von UNDUGU zu schreiben. Von den Anfängen und dem Weitergang von UNDUGU- Bemühungen zu erzählen. Nun, in einer Art Brief will ich das gerne tun. Ein paar Erlebnisse am Rande sollen ausgewählte Fakten der Vereinsgeschichte beleben. Die Sicht ist verständlicherweise recht subjektiv geprägt.

Natürlich fing das Projekt UNDUGU schon vor mehr als zehn Jahren an, nämlich mit der Neu-­Gründung der Lwandai- Secondary School in Mlalo am 1.1.1987.

In einer gemeinsamen Aktion hatte die Nord-Ostdiözese alle Christen der Region aufgerufen, das in ihren Kräften Liegende beizutragen, um endlich in den West- Usambaras, Tanzania, eine Sekundarschule für die Jugend am Rande des Bergmassivs bereitzustellen.

So kamen genügend Schillinge, Bänke, Tische und Einrichtungsgegenstände zusammen, so dass der Betrieb in den Gebäuden der ehemaligen deutschen Mittelschule aufgenommen werden konnte. Noch während der Zeit, als ich student pastor in Mlalo war, nahm mich der inzwischen verstorbene Bischof Dr. Kolowa an die Seite und bat mich dringend eine Partnerschaft mit einer deutschen Schule aufzubauen. Und dann kam der erstaunliche Satz: "Wir Tanzanier brauchen euch Europäer. Und das Wichtigste für uns ist ein gutes Bildungsangebot. Ausbildung ist wichtiger als Geld. Ausbildung ist Armutsbekämpfung. Und dabei könnt ihr uns helfen."

Schon im Herbst 1987 gelangte der erste Besuch aus Mlalo nach Göttingen: Rev. Nkanileka Pazia war von Bischof Kolowa entsandt worden, um für die Partnerschaft zu werben. Erfolgreich, wie die ersten offiziellen Schreiben zeigen sollten: Der damalige Schulleiter des HG, Dr. H. Roemer fragte an, ob eine Partnerschaft von tanzanischer Seite gewünscht würde. Das war am 17. November 1987. Und schon am 22.Dezember 1987 kam die positive Antwort von Leitenden Bischof der Tanzanischen Lutherischen Kirche, Bischof Kolowa. Das Wagnis konnte also beginnen.

Auf deutscher Seite wurden sogleich Vorbereitungen getroffen, einen Verein zu gründen. Und davon hatte ich keine Ahnung. Trotzdem kam die Eintragung ins Vereinsregister zustande.

Notar Beyer hatte mit Rat und Tat zur Seite gestanden, als wir endlich den Verein ins Leben rufen konnten. Mit dabei waren auch zwei Schülerinnen des 12, Jahrgangs, die gerne nach Mlalo fahren wollten. Ein bisschen verschwitzt und aufgeregt ging diese Sitzung am 18.Februar 1988 über die notarielle Bühne. Es folgte die Bestätigung der Eintragung beim Amtsgericht Göttingen unter VR 1776 am 21.März 1988.

In Aufbruchstimmung ging der erste Vorstand - die Herren Grade, Piontkowitz, Boness und die Damen Noack und Link - an die Arbeit.

So hatte die Anfangszeit zwei Schwerpunkte: Informationen über die Schulpartnerschaft am HG zu streuen - hatte doch die Gesamtkonferenz dem Vorhaben zugestimmt - und die erste offizielle Delegationsfahrt zu Ostern 88 vorzubereiten.

Die erfolgreiche Durchführung der Besuchsreise fand einen dokumentierten Abschluss in der Rahmenvereinbarung der Kooperation zwischen HG und LSS. Ausgehandelt und unterzeichnet wurde der Kontrakt auf afrikanischer Seite vom damaligen Schulleiter der LSS, Mr. Shemsanga im Auftrag des Bischofs und auf deutscher Seite vom chairman of UNDUGU committee , Chr. Boness, im Auftrag des Schulleiters des Hainberg.Gymnasiums.

Es folgte ein Gegenbesuch des Schulleiters Shemsanga zur Jahreswende 1989/90. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er auf dem Pausenhof die Schneebälle um die Ohren bekam. Jedenfalls erzählte Mr.Shemsanga immer wieder von der freien Atmosphäre, in der sich Schüler am HG bewegen können. Es entstanden zahlreiche Kontakte und Brieffreundschaften.

Im Sommer 1990 nahmen dann als erste Grundschulen die Wilhelm- Busch- Schule in Ebergötzen und die Ndeme Primary School in Mlalo partnerschaftliche Verbindungen auf. Fortan erweiterte sich der Kreis der UNDUGU Schulen - heute sind es 3 unesco-projekt-schulen und sechs andere Schulen. Der UNDUGU- Gedanke begann sich zu verwurzeln und zu wachsen.

Zu den Projekten , die der UNDUGU Verein durchgeführt hat, lässt sich allerdings nicht immer Positives vermelden. Zwar hatte das HG 1988 zahlreiche Unterrichtsmittel in einer großen Holzkiste nach Mlalo verschicken können, aber schon bei dem nächsten Projekt fehlte die glückliche Hand: das Reisfeldprojekt zur Selbstversorgung der LSS. Nach zwei Jahren war der Ernteertrag von 12 Doppelzentnern Reis auf null gesunken. Schließlich wusste man an der LSS nicht mehr so recht, wo das Reisfeld überhaupt lag, halt irgendwo in der Steppe bei Mn' garo. Der UNDUGU Freundeskreis hatte für den Nießbrauch eines Landstückes nach altafrikanischem Recht immerhin über tausend Mark bereitgestellt. Zwei Umstände haben das ganze Vorhaben schwierig gestaltet: rechtliche Unverbindlichkeit und Schulleiterwechsel an der LSS als auch die Übernahme und Verwaltung der Lunguza- Kitivo Steppenregion durch die FAO wegen eines Bewässerungsprogrammes. Das Reisfeld hatte sich in Nichts aufgelöst.

Auch das Folgeprojekt "Nähmaschinen" wurde zwar mit viel Liebe durchgeführt, aber hatte nicht so sehr den Charakter "nachhaltiger Projekthilfe". Mit großem Einsatz hatten LehrerInnen in der Göttinger Region und der angrenzenden EX- DDR 1990 kurz nach dem Mauerfall uralte Pedalmaschinen von Böden, aus Garagen und verstaubten Kammern aufgetrieben und instandgesetzt. Die GTZ über nahm sogar sämtlich Transportkosten - ein Posten, der den Wert der Maschinen weit überstieg - , aber der Verbleib der Maschinen in Mlalo konnte von uns aus Deutschland nicht sicher festgestellt werden. Klar war nur: diese Maschinen wurden und werden gebraucht, um Kleidung für die Menschen in Mlalo zu nähen. Und das ist schon o.k.

Trotz dieser problematischen Seiten hat sich der UNDUGU - Verein nicht entmutigen lassen. So entstand nach Rücksprache mit der LSS das Solarprojekt zur Grundversorgung der Schule mit Gleichstrom. Vielleicht konnten dann Schüler - und Schülerinnen besser abends den Dingen nachgehen, für die sie Licht brauchten: Lesen, Versammlungen abhalten, Feiern usw.

Mithilfe des Europaministeriums in Hannover wurden solar- panels und portable solar lamps angeschafft, transportiert und von einer Firma aus Arusha in Mlalo installiert. Der UNDUGU- Verein begleitete dieses Projekt sehr intensiv, weil auch unterrichtliche Belange berührt waren, Photovoltaik im Bereich der Physik etwa. Bei meinem letzten Besuch in Mlalo zu Ostern 1997 konnte ich glücklicherweise feststellen, dass die Solaranlage zum Teil noch intakt war. Vielleicht kommt ja auch im nächsten Jahr mit der staatlichen Stromgesellschaft TANESCO Licht nach Mlalo.

Im weiteren hat sich der UNDUGU- Verein nur noch auf eigenfinanzierte Kleinstprojekte - wie Hilfen für die Bücherei und sonstige Unterrichtsmittel - bezogen und den Schwerpunkt in der interkulturellen Begegnung gesehen.

Besonders ist mir eine kleine Besuchsreise in Erinnerung, auf der zwei Schülerinnen des HG Mlalo waren und einen Video- Film zum UNESCO- Thema "Wasser" drehten. Das war 1991, als der UNESCO- Gedanke noch nicht überall am HG und in der LSS bekannt war. Schon anstrengend, mit alten Bussen, auf der von Schlaglöchern übersäten Überlandstraße voranzukommen. Als dann nach 17-stündiger Busfahrt noch kurz vor dem Ziel das Taxi zusammenbrach, schien alles aus zu sein. Nachts zwischen Kokospalmen auf einer Tanga flossen Tränen der Übermüdung und Freude zugleich. Der Suaheli Taxi Driver brachte schließlich seinen uralten Peugot 504 wieder stotternd in Gang - und die silberne Mondschale diente im dabei als Taschenlampe. Hakuna matata - no problems, also. Begegnungen: der neue Schulleiter Rev.Majoh kommt nach Göttingen und nimmt an der 125 Jahrfeier im Herbst 1991 am HG teil. Ein Jahr später kommen der Generalsekretär seine Frau nach Deutschland. Es laufen Gespräche über "In service teacher training seminars“, die in Mlalo dann auch zu ökologischen Fragestellungen stattfinden. Nachdem als zu theoretisch kritisiert worden waren, wurden diese Seminare drei Jahre später eingestellt.

1994 endlich hatte es der UNDUGU- Verein in Zusammenarbeit mit anderen Schulen geschafft, eine Gruppe Lehrerinnen nebst einer Schülerin von der LSS nach Göttingen einzuladen. Es wurde viel getanzt und gesungen, gefeiert und natürlich eingekauft. Dieser Gegenbesuch aus Afrika brachte neuen Wind und viele Aktivitäten in das Netzwerk der UNDUGU- Schulen.

So interessierten sich zunehmend Schüler und Schülerinnen aus dem UNDUGU- Netzwerk, eine Begegnungsfahrt nach Mlalo zu machen und vor Ort einen eher praktischen Austausch zu wagen. Ein Workcamp sollte gewagt werden. Die ersten Vorbereitungen in Deutschland liefen an und wurden von der UNESCO- Delegation zu Ostern 1995 in Absprache mit der LSS vorgenommen. War ein solches Vorhaben zunächst mit allerlei Skepsis betrachtet, sollte es sich dann im Sommer 1996 als sehr gelungenes Unterfangen herausstellen. Geradezu euphorisch kehrten teamer und workcamp- Teilnehmerinnen zurück. Für alle war ein Funke übergesprungen, der afrikanische Virus hatte ansteckend gewirkt: Schulleiter Rev.Mwamboza äußerte die Überzeugung, dass es für ihn und die LSS einen bedeutenden Beitrag zur Vertiefung der Partnerschaft gegeben habe. Ein enges Zusammenleben und Zusammenarbeiten der Kulturen habe den UNDUGU- Gedanken stark belebt. Im Zusammenhang mit dem Neubau einer reichlich dimensionierten library fand dann auch im Sommer 1997 ein weiteres work-camp statt, wieder konnte die nach Mlalo reisende Gruppe aus drei UNESCO- Schulen zusammengestellt werden: Hainberg-Gymnasium Göttingen, IGS Wolfsburg und BBS 3 Hannover. Aus meiner Sicht ein gelungenes Beispiel für funktionierende Kooperation im UNESCO- Bereich.

Aber auch eine andere Art von Begegnung kann von Bedeutung für die Teilnehmenden Kulturen sein, wenn Sprache und Lebensumstände stark auseinanderklaffen. Es gibt noch ein Thema , was zum Austausch einlädt: die Musik, das gemeinsame Singen und Tanzen, das Erarbeiten von kulturspezifischen religiösen und musikalischen Ausdruckformen. Genau diesem Thema widmete sich eine UNDUGU Delegation bei ihrer Reise nach Tanzania im Herbst 1996. Ergreifend war für mich besonders der Abschlussgottesdienst in Mlalo/Hoheni, bei dem fünf Chöre um die Wette jubelten, auf Kisambaa, Suaheli, English, Spanisch, Englisch, Lateinisch und Deutsch. Auf einem wackligen Höckerchen versuchte immer wieder Mzee Shekolowa als musikalischer Leiter alle Chöre zusammenzuhalten.

Schließlich ist noch der Besuch einer tanzanischen Gruppe zu erwähnen, die im Frühsommer 1997 ein umfangreiches Programm in Deutschland zu bewältigen hatte. Vielleicht hatte sich der UNDUGU-­Verein und das kooperierende Netzwerk zuviel vorgenommen, denn neben intensiven persönlichen Begegnungen, war die Mlaloer Gruppe, die überwiegend aus students bestand, in Göttinger Schulen, in Hannover , Wolfsbure, und sogar im Kirchenkreis Norderdithmarschen zu Gast. im Vorfeld dieses Besuches und in der Folge kam es zu einer Umgestaltung des Vorstandes und der Satzung des UNDUGU- Vereins. Es traten die Schriftführerin Frau Dr.Berner, der Schatzmeister Herr Kloes und der Vorstandsvorsitzende Herr Boness zurück. Neue Vorstände, neue Ideen, neue Kräfte führen nun den Verein, der sein 10 jähriges Jubiläum feiert.

Ich persönlich bin mit einer Mischung aus Trauer und Erleichterung zurückgetreten. Gleichzeitig bin ich sehr dankbar dafür, dass UNDUGU so lange Zeit durch Flauten und Hoch- Zeiten besteht. Ich glaube, dass Gott durch unsere Hände, Köpfe und Herzen wirkt und diesen dauerhaften Brückenschlag zwischen Mlalo und Göttingen erst möglich gemacht hat.

An dieser Stelle gehen meine besten Wünsche an die UNDUGU- Freunde in Mlalo, an die Gemeinde von Hoheni, ohne die UNDUGU nicht hätte leben können, und an die treue Mrs.Kasanga von der UNESCO Kommission in DarEssalaam.

Ebenso wünsche ich dem UNDUGU- Verein den Segen, den diese schwierige Arbeit braucht, um als Brüder und Schwestern über die Kontinente hinweg in dieser Einen Welt zusammenleben zu können.

Christian Boness