Zukunft braucht Erinnerung – deutsch-polnische Jugendbegegnung 2017

Mein Name ist Svea Venus, ich bin 19 Jahre alt und mache zurzeit mein Abitur am Hainberg-Gymnasium in Göttingen. Im Wintersemester 2018 möchte ich mit dem Studium der Humanmedizin beginnen.

In einer Schülerdelegation bestehend aus 13 Jugendlichen (Schülerinnen und Schüler zwischen 16-19 Jahren) nahm ich Ende Februar an einer einwöchigen deutsch-polnischen Jugendbegegnung teil. Geleitet wurde das Projekt maßgeblich von Lydia Höllings und Iwona Domachowska, welche sich damit intensiv an der Gestaltung der deutsch-polnischen Beziehungen beteiligen. Gefördert wird das Projekt vom deutsch-polnischen Jugendwerk. 

Schon vor Projektbeginn habe ich mich mit der Geschichte und aktuellen politischen Entwicklungen beider Länder auseinandergesetzt. Insbesondere habe ich die Ereignisse der letzten 80 Jahre nachvollzogen, um mich auf die Besichtigungen der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau vorzubereiten.

In Polen wurde der deutschen Delegation, neben der Besichtigung der Holocaust-Gedenkstätten ein sehr umfangreiches und vielseitiges Programm geboten. Während der zahlreichen Unternehmungen und Begegnungen hatten wir die Möglichkeit viele Einblicke in die polnische Kultur zu erlangen, z.B. durch das Probieren traditioneller Speisen, Stadtbesichtigungen in Krakau und der Stadt Auschwitz und umfangreiche Führungen, aber vor allem durch den direkten Austausch und Kontakt zu den gleichaltrigen polnischen Schülerinnen und Schülern.

Krakau – Unterwegs auf den Spuren der jüdischen Vergangenheit

Während der gemeinsamen Zeit in Krakau stand das jüdische Leben in Krakau, sowie die Besonderheiten der jüdischen Kultur im Vordergrund. Auch eine Besichtigung der mittelalterlichen, historischen Altstadt blieb dabei nicht aus.

Bei einem Workshop im Jüdischen Museum haben wir uns ausführlich mit den Lebenswirklichkeiten der polnischen Juden vor und nach dem Krieg beschäftigt. Besonders schockiert hat mich die Tatsache, wie sehr Juden schon vor dem Krieg unter Vertreibungen, Entrechtungen und Sonderstellungen in der Gesellschaft litten. Bestimmte Berufe durften von ihnen nicht ausgeübt werden, an Wahlen durften sie in der Regel nicht teilnehmen und auch an den Schulen gab es lange Zeit feste Quoten für Juden, die nicht überschritten werden durften.   Rund 70.000 Juden lebten vor dem Krieg in der Stadt an der Weichsel, sie machten etwa ein Viertel der Bevölkerung aus. Heute zählt die jüdische Gemeinde genau 176 Mitglieder, insbesondere ältere Menschen.

Dennoch ist die Stadt sehr von jüdischen Denkmälern und Orten geprägt. Das jüdische Viertel Kazimierz umfasst zahlreiche mittelalterliche Synagogen, die größtenteils noch sehr gut erhalten sind. Ein sehr eindrückliches Erlebnis war zudem das hautnahe Nachempfinden der jüdischen Kultur. Dazu genossen wir ein typisch jüdisches Gericht in einem kleinen Restaurant und hörten uns dabei traditionelle Musik an. Mir haben die knusprig frittierten Gemüsefalafel mit einer würzigen Soße und die Brot-Suppe besonders gut gefallen. Im Anschluss daran spielte eine kleine Band, bestehend aus einem Kontrabassspieler, einem Geiger und einem Akkordeonspieler, mit großer Hingabe traditionell jüdische Musik. Einige Stücke enthielten abwechselnd erstaunlich schnelle Passagen, gefolgt von sehr langsamen und melancholisch wirkenden Teilen. Auch der Tonumfang war bei den gespielten Stücken beachtlich, hohe Töne wechselten sich mit extrem tiefen Tönen ab. Das war wirklich beeindruckend und hat mir gut gefallen. Andererseits führte mir dieses Erlebnis vor Augen, wie wenig ich eigentlich über die jüdische Kultur, ihre Sitten und Bräuche weiß und wie interessant es ist, sich damit zu beschäftigen. Traurig ist außerdem die Tatsache, dass es in meiner Heimatstadt Göttingen vor dem Krieg vielerorts jüdisches Leben gab, von dem nahezu nichts mehr geblieben ist.

Todesfabrik Auschwitz-Birkenau – das Ende der Menschlichkeit

Nach dem Aufenthalt in Krakau ging es für unsere Gruppe weiter nach Auschwitz. Die Besichtigung der nur ca. 20 min von unserer Unterkunft entfernten Gedenkstätte Auschwitz war für die gesamte Gruppe eine Herausforderung. Trotz gründlicher Vorbereitungen ist das Ausmaß an Unrecht, Leid, Demütigung, Sklaverei und systematischem, industriellem Massenmord, der an diesem Ort von den Nazis begangen wurde für uns nur schwer fassbar gewesen. Nach dem Betreten des Lagers durch den berüchtigten Torbogen mit der Inschrift „Arbeit macht frei“ wurden wir durch zahlreiche Baracken und Lager der damaligen Inhaftierten geführt. In Statistiken sind die Nazimorde dargestellt, es sind viele Originaldokumente der SS und Briefe von Häftlingen zu sehen, die damals aus dem Lager geschmuggelt wurden.

Am eindrücklichsten und mit am schlimmsten empfanden wir den Block 5 des Stammlagers, denn dort waren viele persönliche Gegenstände der Häftlinge zu sehen, wie z.B. Koffer, Prothesen, Brillen, Schuhe und Geschirr. Daneben befand sich auch ein unbeschreiblich großer Berg an Haaren, die den Menschen vor ihrer Ermordung abrasiert wurden. Aus diesen Haaren wurden dann beispielsweise Teppiche produziert. Diese Anblicke vermitteln einen schockierend greifbaren Eindruck der Zahl von Menschen, die nach Auschwitz gekommen sind und für die es keinen Ausweg gab. Auch die Fotos und Bilder, die die Bedingungen im Lager versuchten darzustellen, haben die gesamte Gruppe sehr berührt. Viele dieser Dokumente zeigen, wie in Auschwitz gesunde, fröhliche Menschen innerhalb von kurzer Zeit gebrochen und zu Gestalten gewandelt wurden, die dem Tod näher als dem Leben waren.

Bei der Besichtigung des einige Kilometer weiter entfernt gelegenen Lagers Auschwitz-Birkenau, wurden wir uns der Größe des Konzentrationslagers erstmals bewusst. Von der sogenannten Todesrampe aus, erstreckten sich auf einem unfassbar weitläufigen Gebiet Baracken, Krematorien, Gaskammern und Seen, gefüllt mit Menschenasche.

Die Besichtigung der Gedenkstätte war für die gesamte Gruppe eine tiefgehende, bewegende , sehr emotionale Erfahrung. Dank der guten Gruppendynamik spendeten wir uns in den Momenten, in denen wir mit unsagbarem Leid konfrontiert wurden Trost, teilten unsere Gefühle miteinander und führten auch danach noch viele Gespräche darüber, was diese Erlebnisse mit uns machen, welche Bedeutung sie für uns und unser jetziges Leben haben, wie sich diese Erfahrungen auf unser zukünftiges Handeln auswirken.

Auschwitz – nicht nur ein Vernichtungslager

Hinter dem Begriff Auschwitz verbirgt sich jedoch nicht nur das Konzentrations- und Vernichtungslager, welches für unsagbares Leid und den Tod von mehr als eine Millionen Menschen steht, sondern auch ein überschaubares Städtchen mit einem Marktplatz, einer Kirche, einer rekonstruierten Synagoge und sogar einem kleinen jüdischen Friedhof. Wir besichtigten auch diesen kleinen Ort. Unglaublich fand ich die Tatsache, dass im Ort Wohnhäuser  neu gebaut wurden, mit Blick auf das ehemalige Vernichtungslager. Ich frage mich, wie man dort leben und jeden Tag auf das vergangene Grauen blicken kann? Trotz der einladend wirkenden Gebäude und Sehenswürdigkeiten  im Ort Auschwitz konnte ich mich, wie die meisten anderen der Gruppe ebenfalls, hier nicht wohl fühlen.

Menschen quälen - mit dem Hund kuscheln

Neben den Stadt- und Gedenkstättenbesichtigungen haben weitere Projekte und Workshops das Programm bereichert.

Ein umfangreicher Vortrag über KZ-Aufseherinnen, anhand von zahlreichen Beispielen und Biographien hat uns alle sehr schockiert, denn im "Dritten Reich" hielten über 4000 KZ-Aufseherinnen das Lagersystem der Nazis am Laufen. Viele von ihnen verwandelten sich dort schnell zu gewaltbereiten Täterinnen: Sie prügelten, hetzten Hunde auf Häftlinge und ließen sie stundenlang Appell stehen. Besonders grausam war beispielsweise die Geschichte der Österreicherin Maria Mandl, welche auch lange Zeit in Auschwitz arbeitete. Im KZ- Ravensburg überwachte sie als Oberaufseherin den täglichen Ablauf und den Einsatz der ihr unterstellten Aufseherinnen. Unter ihr waren die Insassen grausamen Misshandlungen wie Schlägen und Auspeitschungen ausgesetzt. Sie suchte zudem Frauen für Menschenversuche aus. Anfang Oktober 1942 wurde Mandl, ins KZ Auschwitz-Birkenau versetzt. Sie leitete im Dienstrang der Oberaufseherin als Arbeitsdienstführerin, von August 1943 bis Januar 1944 gemeinsam mit Schutzhaftlagerführer Franz Hößler, das Frauenlager. Dort wurde sie allgemein bekannt als „die Bestie“. Sie wählte Gefangene für den Tod in den Gaskammern aus und war an Misshandlungen beteiligt.

Allerdings ist diese Geschichte kein Einzelfall, viele Aufseherinnen waren jung und noch unverheiratet. Die meisten gehörten eher zur gesellschaftlichen Unterschicht. Eine Stelle als Aufseherin war für die meisten ein sozialer Aufstieg. Das Gehalt lag weit über dem üblichen Lohn in der Fabrik. Hinzu kamen Vergünstigungen und Privilegien wie Dienstkleidung, Unterkunft und Sicherheit. Manche der grausamen  Aufseherinnen hatten selbst Kinder, Familie und Haustiere, um die sie sich liebevoll sorgten. Dies galt nicht nur für die Aufseherinnen, sondern für viele SS-Mitglieder, die solcherart Grausamkeiten ausübten. Es ist unvorstellbar wie Menschen gleichzeitig solch schreckliche Dinge tun und auf der anderen Seite ein ganz normales Leben führen können. Die eindringlichen Schilderungen über die Grausamkeiten, die Menschen einander antun können, haben mir den Wert von Menschenwürde noch einmal überaus deutlich gemacht.

Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist verdammt sie zu wiederholen

Angesichts der aktuellen Entwicklungen in Deutschland (z.B. Entstehung rechtspopulistischer Parteien wie der AFD und eine zunehmende Akzeptanz rechtsextremer Meinungen, sowie geschichtsverleugnender und menschenverachtender Äußerungen), in Polen, aber auch in Frankreich, den USA und vielen weiteren Ländern ist es ausgesprochen wichtig, dass sich junge Menschen mit der Vergangenheit auseinandersetzen, um zu verhindern, dass sich derart schreckliche Entwicklungen wiederholen und Hass, Rassismus und Gewalt wieder Einzug halten und einen Platz finden in unseren Gesellschaften.

Die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte macht mir noch einmal sehr deutlich, dass Werte wie Freiheit, Gleichheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit keinesfalls selbstverständlich sind, wie es uns heute oftmals erscheint, sondern ein schützenswertes Gut. Auf diesem Hintergrund  der Erfahrungen dieses Austausches erhält der Artikel 1 des Grundgesetzes für mich noch einmal eine tiefere Unverrückbarkeit:  „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Angesichts der deutsch-polnischen Vergangenheit, ist es etwas Besonderes und das Ergebnis von Austausch und Versöhnung in den vergangenen Jahrzehnten, dass ein solcher Jugendaustausch, wie wir ihn erleben durften, möglich ist. So können wir uns heute neu begegnen und kennen lernen, aber auch miteinander und voneinander lernen. Für mich war es eine tiefe Erfahrung, von der ich mir wünsche, dass auch andere die Möglichkeit haben diese zu erleben. Der Aufenthalt in Polen, einem unserer unmittelbaren Nachbarn und Mitglied der EU, hat mein Interesse an  internationaler Politik und der gemeinsamen Geschichte der beiden Länder intensiviert. Außerdem haben wir alle gelernt, was es bedeutet unser Heimatland im Ausland zu repräsentieren, auch im Hinblick auf die Geschichte. Bevor ich nach Auschwitz fuhr, habe ich bereits die Gedenkstätten Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen besucht und kann nur jedem empfehlen, die Gedenkstätten selbst zu besuchen, denn es ist ein erheblicher Unterschied über alles zu lesen oder es vor Ort zu sehen. Nach meinen Erfahrungen in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau scheint die Forderung von Neonazis wie B. Höcke nach einer „180°-Wende in der Erinnerungskultur“ völlig absurd und unangebracht. Bei dem deutsch-polnischen Jugendaustausch handelt sich um ein sehr lohnenswertes Projekt, welches unbedingt erweitert und gefördert werden sollte. Interessierte Lehrer und Schüler können sich an das Deutsch-Polnische Jugendwerk in Bad Bevensen wenden. Gerade der Austausch und die direkten Kontakte und möglicherweise darüber hinaus entstehenden Freundschaften können den Frieden in Europa und der Welt langfristig sichern helfen, denn ich glaube, dass es keine Freundschaften zwischen Staaten, sondern nur zwischen Menschen gibt.

Geschichte endet nicht im Museum

Mir ist während dieses Austausches, insbesondere bei dem sehr berührenden Besuch der Gedenkstätte noch einmal deutlich vor Augen geführt worden, wie wichtig es ist, Widerstand gegen Faschismus zu leisten und dabei schon kleinste Anzeichen zu erkennen, um sofort handeln zu können.  Außerdem ist mir bewusst geworden, welche Verantwortung jeder von uns hat, dass sich das unsagbare Leid der Menschen damals heute nicht wiederholt. Antisemitismus ist keine Meinung, sondern wie wir vor Ort gesehen haben, der erste Schritt zu kollektivem Massenmord gegen ganze Völker. Darüber hinaus ist jede Form der Diskriminierung, Abwertung und Ausgrenzung  Einzelner oder ganzer Gruppen etwas, das es zu erkennen und zu verhindern gilt. Für mich persönlich habe ich auch aufgrund dieser Erfahrungen entschieden, den Zeitraum zwischen Abitur und Studium  mit einer Tätigkeit füllen, die mir ermöglicht gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und mich für Menschen zu engagieren.  Deshalb werde ich ab September 2017 für ein Jahr einen medizinischen Freiwilligendienst mit dem Deutschen Roten Kreuz in Jerusalem absolvieren. Dabei erhoffe ich mir nicht nur Einblicke in die medizinischen Bereiche zu erlangen, sondern auch noch mehr über Israel, das Judentum sowie das dortige Zusammenleben der verschiedenen Religionen und Menschen im Land zu erfahren.

Jüdisches Leben: Obgleich die Ursprünge des Judentums im Nahen Osten liegen, gibt es heute in vielen Ländern jüdische Gemeinden, die größten in Israel, Nordamerika und Europa. Während der Jahrhunderte wurden Juden immer wieder aus ihren Siedlungen vertrieben und gezwungen sich eine neue Heimat zu suchen. Eine kleine jüdische Gemeinde existiert heutzutage auch nach dem Krieg wieder in Krakau.

 

 

Krakau: Krakau gehört zu den größten europäischen Zentren der Kultur und Wissenschaft. Mit einer ungewöhnlichen Geschichte und reicher Tradition hat die Stadt viel zu bieten. Unterwegs auf den Spuren der jüdischen Vergangenheit lassen sich zahlreiche Synagogen, Bethäuser, Friedhöfe, hebräische Inschriften an den Fassaden, Davidsterne, wie auch Überbleibsel des Krakauer Ghettos entdecken.

 

 

 

 

Zyklon B: „ Wir besprachen weiter die Durchführung der Vernichtung. Es käme nur Gas infrage, denn durch Erschießen die zu erwartenden Massen zu beseitigen, wäre schlechterdings unmöglich und auch eine zu große Belastung für die SS-Männer, die dies durchführen müssten im Hinblick auf Frauen und Kinder“ - Rudolf Höß, Sommer 1944

Arbeit oder Tod: Nachdem die Gefangenen in Auschwitz ankamen wurde bestimmt, wer arbeiten sollte und wer direkt ermordet würde. Dr. Joseph Mengele, der als „Todesengel“ bekannt war wählte Opfer für seine grausamen Experimente aus. Die Todgeweihten wurden in Gaskammern geschickt und das in Dosen gelieferte Blausäuregranulat Zyklon B wurde durch die Decke der Gaskammer eingestreut und vergaste die Insassen. Zyklon B war für die Wachen gut zu handhaben. Durch ein Fenster in der Gaskammer konnten sie zusehen, wie die Menschen erstickten und hörten ihre Schreie.  

Krematorium in Auschwitz: Einige Gefangene wurden in Auschwitz für Sonderkommandos abkommandiert, um die Toten aus den Gaskammern zu holen. Zuerst begrub man die Opfer noch, doch die NS-Führer hielten die Verbrennung für effektiver und hygienischer. Krematorien (Verbrennungsanlagen) wurden gebaut. Es waren riesige Öfen und sie fassten mehrere Leichen. Manchmal versagten die Öfen, weil sie die Vielzahl der Leichen nicht bewältigen konnten. Im Sommer 1944, als täglich bis zu 20 000 Menschen in Auschwitz vergast wurden, hob man zusätzliche Verbrennungsgruben im Freien aus.