UNESCO - Netzwerktagung

im Rahmen der Regionaltagung der niedersächsischen und  bremischen UNESCO-Projektschulen „Der Weg zurück nach Vorne“ vom 08.- 12. November 2011 in der Begegnungsstätte (ehemaliger Gutshof der Familie von Moltke) in Kreisau/Polen.  

TeilnehmerInnen vom HG: Lucie Petersen (Jg. 11) und Morten Görlitz (10k)

„…weil wir zusammen gedacht haben.“

Dieses Zitat von Helmuth James von Moltke steht auf seine Art hier stellvertretend für die Regionaltagung der niedersächsischen UNESCO Projektschulen vom 08.-13. November in Krzyzowa/Kreisau.

Thema der Tagung war „Der Weg zurück nach Vorne“ – die Organisation und Durchführung deutsch-polnischer Jugendaustausche. In vier intensiven und mit vielen neuen Erlebnissen und Erkenntnissen gefüllten Tagen erarbeiteten deutsche und polnische Lehrer/-innen miteinander, wie Begegnungen zwischen deutschen und polnischen Schüler/-innen organisiert und gestaltet werden können. Dabei erlebten wir die interkulturelle Kommunikation auch  persönlich, wenn sich etwa die polnischen Kolleginnen darüber amüsierten, dass sie immer wieder mit deutschen Männern in Türrahmen zusammenstießen – da polnische Männer höflicherweise Frauen immer die Tür aufhalten – oder wenn es um Flexibilität vs. langfristige Absprachen ging.

Teil des Programms war auch eine Führung durch die fantastische Begegnungsstätte in Kreisau (http://www.krzyzowa.org.pl).  Das damalige Gut der Familie von Moltke diente zu Zeiten des Nationalsozialismus einer Gruppe von liberalen deutschen Intellektuellen als konspirativer Treffpunkt, um die Zeit nach Hitler konstruktiv und zukunftsträchtig zu gestalten. Der so genannte Kreisauer Kreis wurde jedoch verraten und ein Großteil seiner Mitglieder hingerichtet. In einer sehr schönen Lesung der aus dem Gefängnis geschriebenen Briefe von Freya und Helmuth James von Moltke konnte man die Gegenwart dieser beiden beeindruckenden  Menschen förmlich spüren.

Auf Gängen durch Swidnice (Schweidnitz) und Wrocław (Breslau) genossen  wir die Schönheit dieser beiden Städte und erlebten den wirtschaftlichen und geistigen Aufwind, in dem sich Polen seit ein paar Jahren befindet.

Gleichzeitig nahm eine Gruppe von polnischen und deutschen Schülerinnen und Schülern an einer ganz eigenen Tagung teil. Dieser Austausch endete mit neuen Freundschaften und vielen Abschiedstränen, da die Gruppe in den wenigen Tagen eng zusammengewachsen war.

Für die Zukunft hoffen wir, dass wir mit vielen neuen Erkenntnissen und Ideen ausgestattet den Austausch mit unserem Nachbarland weiter voranbringen und ein paar weitere Grenzen in unseren Köpfen abbauen können. Karen Fischer, UNESCO-Koordinatorin, 20.11.2011

Vor Kreisau war ich noch nie auf einer UNESCO-Tagung, also wusste ich nicht so recht, was ich erwarten sollte. Das Thema „Blick zurück nach vorn“ klang aber sehr interessant, genau wie die beiden Kunstworkshops, die für die polnischen und deutschen Schüler geplant waren. Von der Geschichte, die mit Kreisau verbunden ist, habe ich erst dort erfahren. Nachdem unser Gruppenleiter uns vom Kreisauer Kreis erzählt hatte und wir gemeinsam die bewegenden Briefe von Helmuth James von Moltke und seiner Frau gelesen hatten, konnte ich auch verstehen warum unsere Tagung ausgerechnet im kleinen Dörfchen Kreisau stattfand.

Es war schön, ein bisschen mehr über Polen zu lernen. Während der Tagung ist mir erst aufgefallen, wie wenig ich überhaupt über Polen wusste, ich kannte kein einziges Wort Polnisch und dagewesen war ich vorher auch nicht. Deswegen war es natürlich toll, Breslau zu sehen und etwas über die Geschichte der Stadt zu hören. Aber irgendwie hatte ich wegen der Sprache auch ein schlechtes Gewissen, alle polnischen Schüler konnten recht gutes Deutsch und haben sich sehr angestrengt um mit uns reden zu können. Und währenddessen haben wir Deutschen daneben gesessen und uns ignorant gefühlt, weil wir uns noch nie die Mühe gemacht hatten, die Sprache unseres Nachbarlands zu lernen. Das haben wir aber nachgeholt, während dem Programm haben wir die wichtigen Sachen wie „Guten Tag“gelernt. Und abends, beim Zusammensitzen mit den polnischen Schülern, dann die nicht ganz so wichtigen Sachen wie „Vorsicht, ein Meerschweinchen“.

Am meisten beeindruckt hat mich, wie sehr wir nach nur drei Tagen schon als Gruppe zusammengewachsen waren. Man hatte das Gefühl, sich schon ewig zu kennen und irgendwie war es egal, dass wir aus unterschiedlichen Städten und Ländern kommen. Ich glaube wirklich klar geworden ist das allen am zweiten Tag, als wir unser erstes Kunstprojekt vorbereitet haben. Dafür haben wir ein ABC der Menschenrechte geschrieben, erst jeder sein eigenes und danach haben wir die Ergebnisse als Gruppe verglichen. Und beim Vergleichen gab es einen Moment wo jemand meinte „Wir haben alle das selbe geschrieben, egal ob Deutsch oder Polnisch. Wir haben zwar unterschiedliche Wörter dafür, aber uns sind die selben Sachen wichtig“. Und genauso ist uns auch allen aufgefallen, dass wir fast alle Sachen haben, die auf unseren Listen standen. Von Arbeit und Akzeptanz bis hin zu einem Zuhause und dem dem Gefühl von Zusammengehörigkeit.

Mit solchen Wörtern haben wir dann unser erstes Kunstprojekt gemacht, bei dem wir uns ein Wort ausgesuchen und es visuell darstellen sollten. Polen und Deutsche sollten zusammenarbeiten, andere Vorschriften gab es nicht. Deswegen waren auch alle unsere Plakate komplett unterschiedlich. Zum Beispiel hat meine Gruppe das Wort „Wichtig“ geschrieben und die Buchstaben mit winzigen Wörtern auf Deutsch, Englisch und Polnisch ausgefüllt, all die Wörter die wir auf unseren ABC-Listen hatten. Auf den anderen Plakaten gab es Wörter wie „Frieden“, „Solidarität“, aber auch „Angst“.

Unser zweites Kunstprojekt war ein Improvisations-Theaterstück. Während der Präsentation wurde nicht geredet, im Hintergrund lief ein Video mit Bildern von der heutigen Welt: überfüllte U-Bahnen, abgerissene Häuser, endlose Straßen...unterlegt mit Musik von vor 300 Jahren. Das Thema war wie man sich verhält, wenn jemand aus einer Gruppe entfernt wird und man nicht weiss, was als nächstes passiert. Wir waren in kleine Gruppen aufgeteilt und im Laufe des Stückes wurden unterschiedliche Gruppenmitglieder von zwei „Polizisten“weggenommen und in ein „Gefängnis“gesteckt. Gegen Ende mussten wir uns dann entscheiden: wollen wir sie befreien oder lieber in Sicherheit bleiben? Das Faszinierende an dem Stück war, dass es jedes Mal ein anderes Ende gab. Wir sollten versuchen, uns in die Situation der Menschen im Dritten Reich hineinzufühlen und zu überlegen, wie wir gehandelt hätten.

Ich glaube für uns alle war die Erfahrung sehr interessant, denn in gewisser Weise bin ich zumindest es gewohnt, dass das Nachstellen von Situationen während der Nazizeit ein unausgesprochenes Tabu ist. Das war das Besondere bei der Tagung, wir konnten ganz offen über solche Themen reden und untereinander diskutieren, inwiefern wir uns für dass, was in der Vergangenheit passiert ist, schuldig fühlen müssen. Das einzig schlechte an der Tagung war, dass sie viel zu kurz war. Wir hatten uns gerade angefreundet und eingelebt, da mussten wir schon wieder abreisen. Die Zeit in Kreisau war echt schön und ich hätte meinen Bericht wahrscheinlich total negativ machen sollen, damit niemand anders Lust auf Tagungen bekommt und ich nächstes Mal wieder mitfahren kann. Lucie Petersen, 24.11.2011