Gedenkstätte für die ehemaligen jüdischen Schülerinnen

Am Donnerstag, dem 22.04.1999, wurde mit einer Feier die Gedenkstätte für die ehemaligen jüdischen Schülerinnen des Hainberg-Gymnasiums eingeweiht. Die Gedenkstätte besteht aus einer Gedenkwand mit den Namen der ermordeten ehemaligen Schülerinnen jüdischer Abstammung, einem Schaukasten und einer Gedenktafel:

Zum Gedenken an die Schülerinnen unserer Schule,
die in den Jahren 1933 - 1945
als Jüdinnen verfolgt und in den Vernichtungslagern
des Hitler-Regimes ermordet wurden.

Aus der Ansprache des ehemaligen Schulleiters Claus Meyer:

... Wir erhielten vor einigen Jahren eine Fotografie [mehr] aus dem Jahre 1938 von Ruth Löwenberg. Sie konnte mit ihren Eltern - als eine der allerletzten jüdischen Familien - 1940 über die UDSSR in die Vereinigten Staaten fliehen. Die vier abgebildeten Mädchen wurden als letzte Schülerinnen jüdischen Glaubens am 1.April 1938 zwangsweise aus der STÄDTISCHEN OBERSCHULE FÜR MÄDCHEN entlassen. Die Schule war danach "judenrein", wie es damals hieß.

Erst einige Monate später wurde dieses Verfahren legitimiert: In einem Erlass vom 20.11.1938 des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hieß es:

"Nach der ruchlosen Mordtat in Paris kann es keinem deutschen Lehrer und keiner deutschen Lehrerin mehr zugemutet werden, an jüdische Schulkinder Unterricht zu erteilen. Auch versteht es sich von selbst, daß es für deutsche Schüler und Schülerinnen unerträglich ist, mit Juden in einem Klassenraum zu sitzen."

Bei dem "ruchlosen Mord" handelt es sich um folgendes:
Am 7.Nov. 1938 verübte ein junger polnischer Jude mit Namen Herschel Grynszpan, dessen Eltern mit 17000 anderen Juden polnischer Staatsangehörigkeit unter menschenunwürdigen Umständen nach Polen abgeschoben worden waren, in Paris ein Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst von Rath.
Dieser Vorgang wurde zum Vorwand für die Zerstörung der Synagogen in Deutschland am 9./10. Nov.19938 genommen und auch - wie der Erlass zeigt - für die endgültige "Reinigung" der deutschen Schulen.......

Die Mädchen jüdischen Glaubens hinterließen in unserer Schule kaum Spuren - außer im Schularchiv. Ich war in dem 1992 veröffentlichte Buch "Die jüdischen Bürger im Kreis Göttingen 1933 – 1945" in mehreren Lebensberichten auf den Hinweis gestoßen, dass sie unsere Schule besucht hatten. Ich habe daraufhin das seit Gründung der Schule im Jahre 1866 vollständig erhaltene Schülerinnenverzeichnis durchgesehen. In diesen Listen sind Name, Vorname, Geburtstag, Konfession und Beruf des Vaters jeder Schülerin am Tage der Schulaufnahme eingetragen worden. Aufgrund der Religionszugehörigkeit – jüdisch oder mosaisch - konnte ich dann eine Liste aller Schülerinnen jüdischen Glaubens zusammenstellen - es waren 220 bis zur letzten Anmeldung im Jahre 1934 -.Die Schülerinnen aus jüdischen Familien, die zum Christentum übergetretenen waren, die getauften, habe ich auf diesem Wege natürlich nicht gefunden - aber auch sie wurden ja verfolgt.

Zum Abschluß möchte ich versuchen, eine Antwort zu finden, auf die Fragen:

Warum sollen wir, warum müssen wir uns erinnern ? Warum dürfen wir auch nicht vergessen, was an dieser unserer Schule, einer von so vielen, geschehen ist?
Natürlich ist die große Mehrheit der heute lebenden Deutschen nicht schuld an den Verbrechen der Nazizeit, von denen die Verfolgung und Vernichtung der Menschen jüdischer Abstammung wohl das größte und bedrückendste ist. Und Sie, liebe Schülerinnen und Schüler, sind es am allerwenigsten. Aber sich zu erinnern, zu wissen, nachzudenken über das Vergangene, das müssen wir Älteren Ihnen doch zumuten. Denn nur so können wir verhindern, dass sich solche Unmenschlichkeit so oder vielleicht in anderer Form wiederholt.....

Die Ansprache von Holger Walleck "Zur Gestaltung der Gedenkstätte":

Im Frühjahr 1997 legte Herr Bergau-Braune der Fachkonferenz Kunst die schriftliche Anfrage von Herrn Meyer nach einer Gedenktafel in unserer Schule vor. Die Mitglieder der Konferenz waren gebeten, sich Gedanken über die Gestaltung zu machen. Verschiedene Ideen wurden diskutiert, darunter auch die Möglichkeit, dieTafel einer Gießerei in Auftrag zu geben, was die Gewähr geboten hätte, dass im Ergebnis mit einem perfekt gearbeiteten Werkstück zu rechnen gewesen wäre. Solche Gedenktafeln kennen wir. Ihre Glätte besticht. Sie erinnern diejenigen, die sich um ihre Anbringung bemüht haben und ein paar "Eingeweihte" an ein Ereignis. Andere aber nehmen die Tafel, anonym wie sie ist, schon bald kaum noch war. Man gewöhnt sich an sie, sie wird Teil des Inventars.

Eine größere Nähe zu der gerade in einer Schule sich ja auch ständig verändernden und erneuernden Lehrer- und Schülerschaft versprach der Ansatz, Sie, liebe Schülerinnen und Schüler, in die Gestaltung mit einzubeziehen, zumal es sich bei den Opfern ja um Teile desselben schulischen Gefüges handelt, dessen Teil wir heute sind. Anvisiert wurde die Gestaltung von Ziegeln oder Tafeln aus Ton, die im Schulgebäude verteilt oder geschlossen auf einer noch zu findenden Wand angebracht werden sollten. Die Wahl fiel auf Ton nicht zuletzt weil andere Materialien schwer zu beschaffen und unter den gegebenen schulischen Bedingungen kaum zu bearbeiten sind.

Für die Aufgabe besonders geeignet schien der von mir angebotene und in Zusammenarbeit mit Herrn Gersting entwickelte Unesco-Kurs, betitelt "Der nackte Mensch" und "Innenräume - Außenwelten", in dem fächerübergreifend zunächst Aspekte des Mensch -Seins, Vorstellungen vom Ich und von der Seele bearbeitet und im Anschluss daran dann der Blick ausgeweitet werden sollte auf das Umfeld des Einzelnen, auf Mensch-Raum-Beziehungen und das Verhältnis des Einzelnen zur Gruppe. Behandelt werden sollten verschiedene Formen und Auffassungen von Privatheit und Öffentlichkeit, Eigenem und Fremden, Themenbereiche also, in die sich das Projekt gut verankern ließ, zumal beabsichtigt war, die sozialen, philosophischen und ästhetischen Fragestellungen, die uns beschäftigen, sowohl theoretisch als auch mit künstlerisch-praktischen Mitteln zu bearbeiten.

Als die Kursarbeit im Spätherbst 97 genügend fortgeschritten war, das Vorhaben anzugehen, trug ich meinen Schülern mein Anliegen vor. Die Kursteilnehmer erklärten sich spontan bereit mitzuwirken. Ich stellte ihnen die von Herrn Meyer erarbeitete Liste mit den 16 Namen von ermordeten Mädchen unserer Schule zur Verfügung; zusätzlich hatte ich deren Lebensberichte aus dem von Herrn Meyer ja bereits angesprochenen Buch "Die jüdischen Bürger im Kreis Göttingen 1933 -1945" kopiert.

Die Auseinandersetzung mit den Texten, die z.T. ja nur spärliche Informationen enthalten, und den vereinzelt vorhandenen Fotografien ging unter die Haut:

Wir lesen über Mädchen, die hier vielleicht genau an der selben Stelle, an der wir uns gerade befinden, gesessen, zugehört, gearbeitet, sich sicherlich aber auch einmal mit der Nachbarin ausgetauscht haben. Hier haben sie genau wie andere auch, damals wie heute, sich geärgert über eine arrogante Mitschülerin, einen unsympathischen Lehrer, gefreut über ein gutes Ergebnis in der Klassenarbeit oder auf die Verabredung am Nachmittag. Ihr Zuhause hatten sie in der Weender Landstraße, Schillerstraße, Theaterstraße, Keplerstraße ... z.T. ganz in der Nähe unserer Schule in Gebäuden, die heute noch existieren und an denen wir täglich vorbeigehen. Wer waren sie wirklich? Oder hätten wir das nicht auch selbst sein können? Welches unvorstellbare Leid müssen sie ertragen haben hier inmitten unserer Stadt und dann auf ihrem erzwungenen Weg ins Nirgendwo.

Die Idee, für diese Mädchen gestalterisch etwas zu entwickeln, wird in Frage gestellt. Wie könnte eine bloße Tonarbeit einen Menschen und sein Schicksal fassen? Viele fühlen sich überfordert.

Mit einer Aufgabe des Projektes hätten wir es uns aber doch zu leicht gemacht. Ein möglichst getreues Bild dieser armen Menschen zu entwickeln, kann nicht das Ziel sein. Das wäre sowieso unmöglich. Aber mit dem Ansatz, Zeichen zu entwickeln, die sie uns ins Gedächtnis rufen, die sie uns als Mitmenschen in unserem Alltag zumindest symbolisch wieder präsent machen, können sich dann alle identifizieren.

Wir entscheiden uns für ein auf Patenschaften beruhendes Vorgehen, was den Vorteil hat, dass eine größere Nähe zu den Ermordeten empfunden werden kann. Einzeln oder zu zweit soll für jeweils eine Schülerin eine Gedenktafel ausgewalzt und mit deren Namenszug versehen werden. Die mehr oder weniger zufällig entstehende Form der Tafel, der Schriftzug und später eine Glasur stehen für das Individuum. Von der Verwendung weiterer Symbole wird abgesehen. Wir wollen keine Platitüden verbreiten, weniger ist manchmal mehr.

Die Durchführung verlangte ein hohes Maß an Konzentration und Ausdauer. Einerseits galt die Aufmerksamkeit der Entwicklung und Ausführung einer besonderen Schrift, von der man sich Wirkungskraft und Ausdrucksstärke versprach, andererseits rein formalen Aspekten wie der sinnvollen kompositorischen Nutzung der ausgewalzten Fläche oder einfach der Einhaltung der richtigen Buchstabenfolge. Eine lange Phase lang hatten wir auch mit technischen Problemen zu kämpfen: bei der Trocknung des Tons; nach dem Schrühbrand, als einige Tafeln Risse aufwiesen; beim Auftragen der Glasuren, bei denen man nie genau vorhersagen kann, wie sie nach dem zweiten Brand aussehen werden und mit dem Glasurbrand selbst, der immer wieder mit einigen frustrierenden Scherbenhaufen endete. Andere Glasuren mit abweichenden Schmelztemperaturen wurden ausprobiert und mit neuen Tonen kombiniert; die Temperaturentwicklung im Ofen variiert. Auch als die Tafeln dann endlich vollständig vor uns lagen, herrschte noch keine Zufriedenheit: In der Zusammenstellung erschienen uns die Tafeln bezogen auf die zur Verfügung gestellte Wand eher zu klein und bildeten kein überzeugendes Ganzes.

Die Kursteilnehmer machten Abitur und verließen die Schule. Andere Schüler, einige sitzen hier unter uns, setzten die gestalterische Arbeit fort, ergänzten einige Tafeln und berieten bei der Anordnung auf der Wandfläche.

Heute zeigt die Wand 16 individuell gestaltete Tontafeln in eher gedeckten Farben und von links nach rechts von hell nach dunkel angeordnet, in einer Negatives ausdrückenden fallenden Linie. Die ihre Umgebung bildenden Flächen nehmen die Farben der Tafeln auf, sorgen durch Farbrichtung und Duktus für Zusammenhalt, nutzen gleichzeitig aber auch den Raum für eine inhaltliche und formale Erweiterung.

Die vereinzelt auftauchenden Porträtfoto- und Textfetzen, der von Vielschichtigkeit und Unruhe geprägte Farbauftrag, die Andeutungen und Verletzungen der Wand, verweisen auf die Vielschichtigkeit des gemeinten Geschehens, das zugleich Historisches wie Aktuelles enthält und das als solches nicht als abgeschlossen betrachtet werden soll. Die Wand will nicht in erster Linie informieren oder gar belehren, nicht Antworten geben oder eben dekoratives Beiwerk sein, sondern Aufmerksamkeit erregen, an die ermordeten Mädchen erinnern und eine im positiven Sinne verstandene Unruhe stiften zumindest in den Köpfen der derzeitigen, aber auch zukünftiger Eltern-, Lehrer- und Schülergenerationen.

Wir blicken zurück auf einen langen Weg der Entstehung, der ja auch am heutigen Tage noch nicht ganz abgeschlossen ist. Das Fehlen der Texttafel, die auf der Wandfläche rechts neben der mit den Tontafeln gestalteten Wand angebracht werden soll, ist ein Beleg dafür. (Sie ist bedauerlicherweise nicht rechtzeitig fertig geworden.) Es war kein einfacher Weg. Aber ich denke, dass am Ende des durch die Anregung von Herrn Meyer veranlassten Prozesses der theoretischen und praktischen Auseinandersetzung nicht allein die Gedenkstätte als solche entstanden sein wird, sondern über deren Gestaltwerdung hinaus sich bei allen Beteiligten auch innerlich etwas bewegt und verändert hat. Möge sich dieser Prozess nach Fertigstellung der Gedenkstätte fortsetzen, möge sie in der Lage sein, an diese Mädchen aus unserer Mitte zu erinnern und immer wieder auch Impulse für neue Auseinandersetzungen geben, die dazu beitragen, dass Menschen nicht mehr, aus welchem Grund auch immer, diskriminiert, verfolgt und gequält werden.

Quelle des Fotos: GT 14.4.1999