Praktikum 2009

Beginn/Dauer: 1. Oktober 2009, 2 Wochen
Ort: Esfahan, Teheran, Yazd
Unterbringung: privat (Gasteltern sprechen Englisch)
Kenntnisse: Englisch
Anforderungen: Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit, Freundlichkeit sowie Offenheit gegenüber der anderen Kultur und den Menschen und Mitarbeitern, Bereitschaft sich auf eine uns fremde Kultur und Lebensgewohnheiten einlassen zu können, kleine Recherchen für das Projekt durchführen.
Gültiger Reisepass
Alter: Mindestalter 16 Jahre (Jg. 10/11)
Eigenleistung: 200 €
Taschengeld: max. 200 €
Praktikumsstelle: Deutsch-Iranische Industrie- und Handelskammer und MAN Ferrostaal
Zeugnis: wird erstellt
Freizeit: Kennen lernen des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens an den Praktikumsorten -sicherlich auch anderer historischer Stätten
Weitere Infos: in Göttingen: Monika Kleineberg, UNESCO-Koordinatorin
in Berlin: Manfred Grüter, Projektleiter Jugend im Dialog - Austausch der Kulturen, Internat der Königin-Luise-Stiftung, Haus im Park, Podbielskiallee 78, 14195 Berlin, Tel: 030-84181443 / 444
Bewerbung bis: Für das HG stehen zwei Plätze zur Verfügung. Die Bewerbung ist abgeschlossen.

Lauras Bericht und Fotos aus Teheran und Isfahan

Im Jahr 2008 hörte ich von einem Austausch zwischen Berlin und iranischen Städten, an dem auch meine Schule erstmalig teilnehmen sollte. Schon zu dem Zeitpunkt fand ich dieses Projekt sehr interessant, allerdings kümmerte ich mich nicht um die Teilnahme und so flog meine Mitschülerin Anna für drei Wochen nach Teheran. Als sie wieder zu Hause war und die ersten Fotos ihrer Reise online waren, stand für mich fest, beim nächsten Mal auch in die „Islamische Welt“ zu fliegen.

So kam es, dass ich im Juni gespannt unserem Abreisetermin am 10.Juli entgegenblickte. Voller Spannung waren wir jedoch vor allem auf Grund der Wahlen und innerpolitischen Spannungen, die sich danach aufbauten. Diese bewirkten, dass die Reise abgesagt und zunächst auf ein unbekanntes Datum verschoben wurde.

Glücklicherweise entspannte sich die Lage rasch, so dass Faiza und ich Anfang Oktober mit Betreuern aus Berlin und Göttingen nach Teheran fliegen konnten. Bereits am Hamburger Flughafen fühlte ich mich den Iranern sehr verbunden, denn all unsere Mitfliegenden strahlten eine sehr positive Lebenshaltung aus und waren zudem mit interessanten, häufig riesigen Gepäckstücken bepackt. Die meisten der Frauen trugen noch kein Kopftuch, wenn auch schon längere Oberteile und waren dezent bis übermäßig geschminkt. Erst im Flugzeug, welches eine Maschine von Iran Air war und somit der Islamischen Republik gehört, begannen die weiblichen Passagiere Tücher um ihren Kopf zu drapieren.

Nach nur 4,5 Stunden Flug und zwei Stunden Zeitverschiebung landeten wir am Imam Chomenei Airport in der Hauptstadt. Die Aussicht aus dem Flieger ließ die Stadt unendlich groß erscheinen, was sie auch tatsächlich ist. Von dort aus fuhr ich mit den Erwachsenen in die Stadt, denn meine Gastfamilie wollte mich vom Hotel abholen. Die Fahrt ins Zentrum führte an der Grabesmoschee des Revolutionsführers von 1979 vorbei, gleich daneben befindet sich ein großer Märtyrerfriedhof. Im Laufe meines Aufenthaltes begegnete ich solchen Märtyrerdenkmälern immer wieder.

Als wir im Hotel ankamen war ich unglaublich müde und gleichzeitig unglaublich glücklich endlich meine Familie kennen zu lernen. Ich war wirklich froh, mich mit den Beihagis auf Anhieb zu verstehen, besonders meine Gastschwestern Bahar, 16, und Diba, 11, schloss ich sofort in mein Herz. Bahar war bereits letztes Jahr in Göttingen und erinnerte sich lebhaft an unsere Straßen und Orte. Sie spricht sehr gut Englisch und wir haben viele ähnliche Interessen. Ihre Eltern Sasan und Cathy haben beide Chemie studiert und sind sehr, sehr herzlich. Im großen Hyundai-SUV des Vaters sind wir dann in den Norden der Stadt gefahren. Jedes Haus ließ mich mehr staunen, denn der Reichtum, der dort zur Schau getragen wird, ist unermesslich. Daher irritierte es mich auch ein wenig, als Sasan diese Gegend als eine der teuersten Teherans vorstellte und keine Minute später in die Tiefgarage eines Mehrfamilienkomplexes fuhr. An dem Zeitpunkt wurde mir bewusst, dass Prestigeobjekte ein absolutes „must-have“ für die wohlhabende Bevölkerung sind. Hier in Deutschland trägt man mit einem Mercedes-Cabrio zwar auch etwas zur Schau, doch in Teheran signalisiert man durch einen BMW oder Mercedes mit krasser Deutlichkeit, dass man an der obersten Spitze der Nahrungskette steht- und dort auch bleibt. Zudem dienen teure Autos zum Frauenfang, denn die Mädchen Teheran lassen sich von so etwas leicht beeindrucken. Dadurch, dass öffentliche Treffen zu zweit oder Schließen von Bekanntschaften in Bars oder Clubs im Iran untersagt sind und bei Verstoß hart bestraft werden, sind Autos die einzige Möglichkeit, schnell Nummern auszutauschen oder beim Fahren miteinander zu flirten. Daher ist es logisch, dass das dickste Auto die fettesten Fische fängt.

Doch zurück zu meiner Familie: Das Appartement  ist recht groß und modern eingerichtet. Netterweise durfte ich in Dibas Zimmer für die zwei Wochen meines Besuches wohnen. Es war klischeemädchenhaft gestaltet, mit vielen Barbies usw. Überraschend war für mich, dass beide Schwestern Poster von amerikanischen Popstars aufgehängt hatten und generell vorrangig westliche Musik gehört haben.

Am ersten Tag haben mir die Mädchen eine Mall und einen Bazar gezeigt, dabei war es wirklich überraschend wie häufig Bahar auf mich angesprochen wurde und wie sehr die Leute an „alemani“ interessiert sind. Später gab es eine Trauerfeier der Familie, da 40 Tage zuvor der Vater von Cathy verstorben war. Das war eine eher unangenehme Erfahrung für mich, denn ich fand es sehr befremdlich zwischen all den in Trauerflor gekleideten Frauen zu sitzen und ihnen beim Weinen und Koran rezitieren zuzusehen. Nachdem die Freundinnen und Bekannten gegangen waren und sich nur noch Cathy und ihr Schwägerin kümmern mussten, durften auch die Männer kommen. Zusammen haben wir sehr lecker gegessen und die Stimmung war auch gar nicht mehr traurig.

Während die Gastfreundlichkeit und das fantastische Essen Klischees sind, die sich  mehr als positiv bestätigt haben, hätte ich den Verkehr niemals so schlimm eingeschätzt, wie er mir im Vornherein geschildert wurde.

Bereits am ersten Tag schloss ich Feindschaft mit ihm: Autos sind überall, Rücksicht auf Fußgänger wird kaum genommen und wenn man die Straße überqueren will, dann einfach irgendwo und irgendwie. Das Durchkommen zählt. Überhaupt ist der Verkehr etwas, das mich in Teheran regelrecht krank gemacht hat. Irgendwann konnte ich diesen Wahnsinn kaum noch ertragen und die Tatsache, dass die Transportlogistik eine Welt für sich ist, hielt mich davon ab, mehr von der Stadt zu sehen. Jeder Weg, sei es zur Arbeit, zu Freunden oder zum Einkaufen, ist mit einem Auto verbunden, denn das öffentliche Verkehrssystem ist noch nicht gut ausgebaut. Zudem gibt es in Bussen und U-Bahnen geschlechtlich getrennte Abteile.

Außerdem wurde mir in solchen Momenten schlagartig vor Augen geführt, wie prekär Frauen in die Gesellschaft integriert sind. Zwar dürfen sie Auto fahren, sich mit Freundinnen treffen, ins Ausland fahren oder studieren - inzwischen machen Frauen den Löwenanteil der Studierenden aus-, doch den tatsächlichen Arbeitsplatz erhalten eigentlich immer die Männer, auch wenn sie weniger qualifiziert sind. Frauen hingegen bleiben selbst nach einem abgeschlossenen Maststudium als Hausfrau daheim und organisieren den Tagesablauf der eigenen Familie oder kümmern sich um ältere Familienmitglieder. Dies ist zwar eine wichtige Aufgabe, welche -zumindest von den Männern, die ich im Iran kennengelernt habe- auch respektiert wird, doch trotzdem sind Frauen im Iran noch lange nicht gleichberechtigt. Mit aller Deutlichkeit spiegelt sich dies in der strengen Kleiderordnung wieder, denn viele Frauen würden sich gerne so frei kleiden dürfen wie es ihre Brüder und Männer oder Frauen in anderen Ländern tun. Ebenso erscheint es mir vollkommen überzogen, Frauen zum Tragen eines Kopftuches zu zwingen. Ich respektiere die Entscheidung aller Frauen, die aus religiösen Gründen einen hijab tragen, doch finde ich es sexistisch jede zum Tuch zu verpflichten. Im Gespräch mit zwei jungen, gut ausgebildeten Frauen wurde sehr deutlich, wie unfrei Frauen und jungen Leute sind. Alles unterliegt so strikten Regeln und Konventionen, dass die Etablierung von Parallelwelten nur eine logische Konsequenz ist.

Dass jene Parallelgesellschaften teilweise gewaltsam unterdrückt und hart bestraft werden, liegt auf der Hand.

So wurde ich auch immer wieder vor der Sittenpolizei gewarnt, die sehr streng agieren soll. Glücklicherweise habe ich während meines gesamten Aufenthaltes nie mit ihr Bekanntschaft gemacht.

Zudem muss ich gestehen, dass ich mir um meine generelle Sicherheit zu keinem Zeitpunkt des Projekts tatsächlich Sorgen gemacht habe, selbst als unsere Medien Bilder eines „blutigen Aufstandes“ publiziert haben, denn wie erwartet und vor Ort festgestellt, sind Iraner unglaublich friedvolle Menschen und keineswegs aggressive Revolutionäre. Solch ein Verhalten ließe die Gesellschafts- und Rechtsstruktur auch gar nicht zu. Vielmehr findet meiner Erfahrung nach im Inneren eine Art „soft revolution“ statt, die vorrangig eine Veränderung des Bewusstseins und nicht einer radikalen Veränderung der Lebensverhältnisse anstrebt.

Dennoch wird ein politischer Machtwechsel noch Jahre brauchen, denn der Norden Teherans mag zwar säkular und demokratisch eingestellt sein, jedoch ist es für den größten Teil der iranischer Bevölkerung noch ein langer Weg zu gehen, so sieht es zumindest mein „host dad“ Sasan.

Fasziniert war ich auch von der ursprünglichen persischen Zivilisation, auf welche die Iraner heute noch sehr stolz sind. So war der Besuch im Iranischen Nationalmuseum, in dem Artefakte aus Persepolis ausgestellt sind, zumindest ein kleiner Trost, denn ich hätte die antike Megacity und das Grab des Zyrus zu gerne gesehen.

Alles in allem habe ich den Iran und seine Menschen als ein wunderbares Land kennen gelernt, jedoch muss ich sagen, dass ich diese Reise nur Schülern empfehlen würde, die starke Nerven haben, denn obwohl ich bereits viel im Ausland war, war der Iran eine vollkommen andere Erfahrung jenseits meiner Vorstellungen. In einigen Momenten hätte ich mir mehr Gelassenheit gewünscht um mit der Situation besser zu recht zu kommen.

Also sage ich zu allen, die schon dort waren und hinfliegen werden: Hut ab!

Praktikums- und Erlebnisbericht von Faiza

Meine Erfahrungen mit der Islamischen Republik Iran begannen schon im Iran- Air Flugzeug auf der Strecke vom Hamburger Flughafen in Richtung Teheran. Die Kopftücher der Stewardessen, das leckere persische Essen und der iranische Film, der zur Unterhaltung gezeigt wurde, stimmten uns auf unseren Iran-Aufenthalt ein. Letzte wissenswerte Informationen über das Land lasen wir noch schnell im Reiseführer nach, und mit Spannung erwarteten wir das Treffen mit unseren Gastfamilien. Da Frau Kleineberg, Laura und ich schon in den Morgenstunden aus Göttingen aufgebrochen waren, konnte ich meinen Schlafmangel nachholen, was mir den Flug angenehm verkürzte.

Und dann war es auch bald soweit- unsere Landung wurde vom Piloten auf Farsi und Englisch angekündigt und spätestens jetzt wurden die Köpfe aller weiblichen Reisenden mit Tüchern bedeckt. Auch ich legte mir mein Kopftuch um, das ich von da an nur noch zu Hause bei meiner Gastfamilie und beim Besuch in der Deutschen Botschaft absetzen würde.

Ein weiterer Eindruck von Iran war der „Prayer Room“, auf den Laura und ich auf der Suche nach Toiletten stießen, und der den Reisenden eine Möglichkeit zum Beten gab. Nachdem wir dann noch unsere Euro in Rial umgetauscht hatten, entdeckten wir meine Gastfamilie: Ali und Zeinab Kassiri mit ihrem Sohn Amin. Ich verabschiedete mich also von Laura, Frau Kleineberg, dem Ehepaar Grüter und Herrn Olie, mit denen wir seit Hamburg zusammen gereist waren, und machte mich mit meiner Gastfamilie auf den Weg nach Teheran.

Da der Flughafen etwas außerhalb liegt und die Kassiris im nördlichen Teheran wohnen, waren wir mit dem Auto dann noch mal eine gute dreiviertel Stunde unterwegs, während der wir uns schon ein bisschen unterhalten und kennen lernen konnten. Neben mir saß der zu dem Zeitpunkt noch 6-jährige Amin. Er war mir gegenüber erst noch ein bisschen schüchtern, aber erzählte dann doch ein paar Sachen auf Farsi. Abgesehen davon, dass es um Spiderman ging, habe ich eigentlich nichts verstanden, aber es war trotzdem lustig ihm zuzuhören.

Mein erstes Abendessen fiel dann nicht besonders iranisch aus, wir gingen zu „boof“ einer iranischen Fastfood-Kette, wo wir Chickenburger und Pommes aßen. Wir tranken Malzbier, das in Flaschen serviert wurde, die aussahen wie herkömmliche Bierflaschen, was mich erst mal verunsicherte, da ich gelesen hatte, dass Alkoholkonsum in Iran streng verboten sei. Um mich herum wurde natürlich überall Farsi gesprochen und ich habe versucht mir Zeinabs und Alis Übersetzungen zu merken, aber erst nach ein paar Tagen konnte ich mich dann mit ein paar der allernötigsten Sätze und Wortfetzen verständigen. Da meine Gasteltern beide sehr gut Englisch sprachen, hatten wir aber sowieso nie ernsthafte Verständigungsprobleme.

Das Apartment der Kassiris liegt in einer noblen Gegend im vornehmen Norden von Teheran. Ich war also nicht wenig beeindruckt von dem luxuriösen Haus, das mit Swimmingpool und Garten inklusive künstlichem Wasserfall sowie Dachterrasse mit Blick auf das Alborz-Gebirge auf der einen, und über die Dächer Teherans auf der anderen Seite, ausgestattet war.

Für die zwei Wochen meines Aufenthaltes durfte ich in dem Zimmer von Amin schlafen. Zwischen Spongebob-Bettwäsche, Action- und Zeichentrickfiguren fühlte ich mich zwar nicht unbedingt wie zu Hause, aber trotzdem sehr wohl.

Ali Kassiri, mein Gastvater, arbeitet als Lehrer und stellvertretender Schuldirektor in einer Schule und war deshalb viel unterwegs. Meine Gastmutter Zeinab hatte aus gesundheitlichen Gründen ihre Arbeit an einer Mädchenschule eingestellt und so die Zeit, um mir Teheran zu zeigen, vieles zu erklären und mich in die Zubereitung von Kebab einzuweihen. Sie war ein begeisterter Fan des Teheraner Fußballvereins Esteghlal, und so hat es immer sehr viel Spaß gemacht, sich mit ihr ein Spiel anzugucken, vor allem dann, wenn das blaue Team erfolgreich war.

Da ich am Donnerstag, also zu Beginn des „muslimischen Wochenendes“, angekommen war und auch am Samstag noch nicht bei meiner Praktikumstelle erwartet wurde, hatte ich die ersten drei Tage Zeit, Teheran ein bisschen kennen zu lernen. So habe ich mit Zeinab einen kurzen Spaziergang am Fuß des Alborz-Gebirges gemacht und mit der ganzen Familie Ausflüge zu verschieden Shoppingcentern, wobei ich einen Eindruck von dem unfassbar dichten Verkehr und den damit verbundenen Staus in Teheran bekam.

Am dritten Tag, dem Tag der Deutschen Einheit, waren unter einigen anderen Gästen auch alle in das Projekt der KLS involvierten deutschen Besucher in die Deutsche Botschaft eingeladen worden. Anlass für dieses Zusammenkommen war vor allem auch der Abschied des ehemaligen deutschen Botschafters Dr. Hornsowitz sowie des ehemaligen Vizebotschafters Dr. Dr. Pohl. So hatten Laura und ich die Ehre, als Schülerinnen und Praktikantinnen mit einem Stand diesen Austausch zwischen iranischen und deutschen Schülern zu vertreten, und wir freuten uns über das ehrliche Interesse vieler Gäste. Wir hatten allerdings auch genug Gelegenheiten, um uns die Ausstellungen zum Jubiläum der Deutschen Einheit an- und uns unter den internationalen Gästen umzugucken. Das deutsche Essen am Büffet dort hatte ich nach drei Tagen zwar noch nicht vermisst, da mir die persischen Gerichte unglaublich gut schmeckten, aber es war trotzdem sehr lecker. Insgesamt war der Besuch der Deutschen Botschaft im Iran auf jeden Fall ein besonderes, sehr interessantes und einmaliges Erlebnis.

Außer dem Tag der Deutschen Einheit habe ich am 3. Oktober dann auch noch Amins 7. Geburtstag gefeiert. Abends kamen Zeinabs Mutter und ihr 19-jähriger Cousin zu Besuch. Keiner der beiden konnte besonders gut Englisch sprechen und ich mir war anfangs nicht sicher, wie ich mich in der Gegenwart eines etwa gleichaltrigen Iraners zu verhalten hatte. Aber alles lief dann ziemlich zwanglos ab, auch mit der Verständigung klappte es einigermaßen und es wurden viele Scherze gemacht (vor allem über die singende Geburtstagskerze, die Amins Torte zerstörte und auch nach10 Minuten noch keine Ruhe gab, bis sie dann zerstört wurde). Alles in Allem war es also ein sehr lustiger Abend und Amin war überglücklich mit seiner neuen Playstation Portable, ohne die man ihn in der kommenden Zeit kaum noch zu Gesicht bekam.

Sehr schnell hat sich Amin dann auch an mich gewöhnt, und so kam ich in den Genuss, die Handlungen verschiedener Animationsfilme auf Farsi erzählt zu bekommen und mit ihm zusammen Tonkrüge anzumalen, wofür ich auch ab und zu bereit war, meine Playstation-Niederlagen in Kauf zu nehmen.

Der vierte Tag, ausgerechnet der Sonntag, war dann mein erster Tag als Praktikantin in der AHK; der Ausländischen oder Deutsch-Iranischen Industrie- und Handelskammer. Ich wurde freundlich von einer iranischen Mitarbeiterin begrüßt, die in Bonn studiert hatte und deshalb ein sehr gutes Deutsch sprach. Nachdem mir Einiges über die Arbeit in der Handelkammer erzählt und erklärt wurde, bekam ich dann unterschiedliche Broschüren und Unterlagen zu lesen, durch die ich mir selbst einen Eindruck von den vielfältigen Aufgabenbereichen einer internationalen Handelskammer machen konnte. Mit der Vermittlung von Handelsbeziehungen zwischen Iran und Deutschland, dem Anwerben und Unterstützen von Mitgliedern, deren Zahl inzwischen auf rund 1.800 gestiegen ist, der Organisation von Messen in aller Welt und den Tätigkeiten im Bereich Visa, haben die ca. 25 Mitarbeiter der Kammer Einiges zu tun. Insbesondere in den momentanen Zeiten der Wirtschaftskrise, die einen Einbruch des Handels zwischen Deutschland und Iran zur Folge hat, und angesichts der Sanktionen, die Teil der Isolationsstrategie der Welt (als Reaktion auf die aktuelle iranische Politik) sind, war ihre jetzige Arbeit noch um einiges mühsamer geworden.

Etwas später traf ich dann Jutta Marin, Senior Executive der Kammer und Leiterin der Abteilungen Marketing, Publikationen und Events, welche mir die verschiedenen Bereiche der Handelskammer zeigte und mir auch später immer für Fragen bereitstand oder ihre Hilfe anbot. In seinem Büro stellte ich mich dann Daniel Bernbeck, dem Geschäftsführer der AHK vor, der zwar offensichtlich sehr beschäftigt war, aber sich trotzdem Zeit für ein kurzes Gespräch nahm.

Worin bestanden meine Aufgaben in der AHK? Zum einen konnte ich meinen Sitznachbarinnen zur Hand gehen, indem ich bei eher bürokratischen Arbeiten wie dem Eintüten, Zukleben und Bekleben von unzähligen Briefen an die Mitglieder der Kammer, oder gelegentlichem Faxen von Unterlagen nach Deutschland half, zum anderen wurden mir aber auch zwei Aufgaben gegeben, mit denen ich mich in den zwei Wochen selbstständig beschäftigen konnte. So sollte ich, vor allem auch um mich selbst zu informieren, im Internet nach deutschen Artikeln über den Iran und insbesondere über die iranische Wirtschaft und die AHK suchen und diese zusammenstellen. Durch diese Recherche bekam ich tatsächlich ein sehr viel besseres Bild von der wirtschaftlichen Lage des Landes sowie den politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen und erfuhr in diesem Zusammenhang in sehr unterschiedlichen Artikeln viele interessante Details.

Die zweite Aufgabe bestand in dem Verfassen eines sechs Seien langen Berichtes über die Stadt Göttingen, bei dem ich mich an einem Artikel orientierte, den eine Mitarbeiterin für die letzte Ausgabe des Wirtschaftsspiegels der AHK über die Stadt Bonn geschrieben hatte, während mein Artikel in der nächsten Ausgabe des Wirtschaftsspiegels erscheinen soll. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich dann sogar noch einiges über meine Heimatstadt, besonders in Bezug auf die Göttinger Wirtschaft, das ich vorher nicht gewusst hatte. In jedem Fall waren dies für mich sehr lohnende Arbeiten und ich hatte das Gefühl, produktiv und sinnvoll einen kleinen Beitrag zur Arbeit der AHK zu leisten. Außerdem bekam ich im Verlauf des Praktikums die Gelegenheit, mich mehr oder weniger gründlich in den unterschiedlichen Abteilungen der Kammer umzusehen und mich mit den jeweiligen Aktivitäten auseinander zu setzen. So verbrachte ich zum Beispiel auch einige Zeit in der Visaabteilung, wo mir unterschiedliche Vorgänge und Einzelheiten rund um die Visa Anträge von Messebesuchern und Mitgliedern erklärt wurden.

Wo auch immer ich mich in der AHK aufhielt, überall hatte ich es mit Mitarbeitern und Angestellten zu tun, die sich mir gegenüber freundlich und interessiert zeigten. Da viele von ihnen einige Zeit in Deutschland verbracht oder im Iran Deutsch gelernt hatten, hatte ich außerdem keine Probleme mit der Verständigung und es kamen auch viele private Gespräche zustande, bei denen ich einiges über das Leben im Iran und die einzelnen Geschichten und Einstellungen der Frauen und Männer erfuhr. Mit meiner ebenfalls noch sehr jungen, iranischen Sitznachbarin, mit der ich mich zwar weder auf Deutsch noch auf Englisch unterhalten konnte, die ich aber trotzdem besonders gerne mochte, trank ich in den Pausen manchmal Tee und wir schafften es auch ohne viele Worte uns irgendwie zu verständigen.

Unterbrochen von weiteren Ausflügen mit meiner Gastfamilie, z.B. zum Sadanbad Palastkomplex, der der letzten Schah Familie, den Pahlavis, als Winterresidenz diente und mit all den kunstvollen Perserteppichen und der kostbaren importierten Einrichtung überwältigend luxuriös wirkte, verging die Zeit dann sehr schnell. Zu meinen Highlights aus dieser Zeit gehört ein Besuch bei Zeinabs Familie, bei dem ich wieder mit ihrer Mutter und ihrem Cousin, aber auch mit ihrer Großmutter und ihrem Vater zusammentraf. Bei dem traditionellen Chai und jeder Menge Obst, iranischer Schokolade und Nüssen wurde ich dann von Zeinabs Vater ins Verhör genommen, der als Leiter einer iranischen Schule einiges über das deutsche Schulsystem, besonders auch über meine Einstellung dazu, dass ich auf eine gemischte, und nicht wie im Iran üblich, auf eine nach Geschlechtern getrennte, Schule ging, erfahren wollte. Da er selbst, zu seinem Bedauern wie er sagte, kein Englisch sprach, übersetzte Ali (mein Gastvater) alle Fragen und Antworten, was das ohnehin nicht ganz einfache Gespräch noch etwas komplizier machte. Als ich dann über der Frage nach der Anzahl der Bücher in meiner Schule verzweifelte, fingen die beiden Männer dann jedoch an zu lachen und die Spannung war gelöst. Als Zeinabs Großmutter gefragt wurde, ob sie mir nicht auch ein paar Fragen stellen wollte, antwortete sie, dass sie es wohl wolle, aber Alis Übersetzung nicht traue. Daraufhin verfielen erneut alle in Lachen und statt weiter Konversation zu betreiben setzten wir uns alle im Kreis auf den Boden und machten uns über die, auf einem riesigen Tuch ausgebreiteten, persischen Köstlichkeiten her, die Zeinabs Mutter zubereitet hatte. Dieser Abend war für mich eine besondere Erfahrung, weil es der eindrücklichste Einblick in den Alltag einer iranischen Großfamilie war und vor allem auch, weil ich sehr von der unbeschreiblichen Gastfreundschaft der Familie gerührt war.

Ein anderer Höhepunkt war der Ausflug nach Isfahan. Früh morgens am Freitag, dem 9. Oktober, hat mein Gastvater Laura und mich zum Flughafen gefahren und von dort aus ging es dann weiter Richtung Süden nach Isfahan, wo wir nach weniger als einer Flugstunde von einer Bekannten von Herr Grüter in Empfang genommen wurden. Zwei Iranerinnen aus Isfahan, die beide Deutsch gelernt hatten, zeigten uns die Stadt, die mir mit ihrem orientalischen Flair noch besser gefiel als das moderne und verkehrsreiche Teheran. Zu viert besichtigten wir einige historische Brücken über den Fluss Zayande-Rud, eine Kirche, einen kleinen Bazar, Moscheen und den besonders eindrucksvollen Imam-Khomeini-Platz, besser bekannt als Naqsh-e Djahan-Platz, auf dem einige der schönsten und eindrucksvollsten Gebäude der islamischen Welt stehen.

Wir aßen köstliches traditionelles Essen in einem Restaurant, das nach Schahrzād (Scheherazade), der berühmten Märchenerzählerin aus tausendundeiner Nacht, benannt war. Außerdem ließen wir es uns mit Cappuccino und Kuchen und im Teehaus eines noblen Restaurants gut gehen. Verständigen mussten wir uns in einer Mischung aus Deutsch, Englisch und Farsi, was nicht immer leicht, dafür aber umso komischer war. Dabei hatten wir so viel Spaß zusammen, dass unsere Laune auch nicht von einer Autopanne getrübt werden konnte, die uns veranlasste, von da an mit dem Taxi durch die Stadt zu fahren. Wir hatten wirklich eine schöne Zeit und es fiel Laura und mir schwer, uns am Ende des Tages, den wir mit einer abendlichen Kutschfahrt auf dem Naqsh-e Djahan-Platz beendeten, von den beiden zu verabschieden und später in den Flieger zurück nach Teheran zu steigen.

Wenn ich an meine Zeit im Iran zurückdenke, erinnere ich mich gerne an all die Menschen, die ich getroffen habe und an ihre unvergleichliche iranische Gastfreundschaft. Besonders denke ich da an die Familie Kassiri, bei der ich mich immer willkommen gefühlt habe und für deren Großzügigkeit ich mich nicht genug bedanken konnte. Sogar der kleine Amin, dem es auf die Dauer wohl auf die Nerven ging, dass ich ihm bei seinen Erzählungen nicht folgen konnte, und dessen Schulenglisch natürlich auch noch nicht für Gespräche ausreichte, bemühte sich unermüdlich, mir ein bisschen Farsi beizubringen und beanspruchte immer wieder seine Eltern als Dolmetscher. Besonders gerührt war ich, als er mir ein paar Tage vor meiner Abreise auf englisch sagte: „Faiza you are like my sister“, was mir meine Abfahrt noch mal ein bisschen erschwerte.

Von Iran, einem Land, über das ich vorher vor allem aus den Nachrichten und nicht unbedingt viel Erfreuliches gehört hatte, habe ich in der kurzen Zeit einen ganz anderen Eindruck bekommen. Denn auch, wenn vieles dort sicher nicht meinen Vorstellungen entspricht und es mir schwer fallen würde, mich auf die Dauer an einige Einschränkungen zu gewöhnen, so überwogen für mich trotzdem eindeutig die positiven Erfahrungen mit herzlichen Menschen in einem wunderschönen Land mit alter und beeindruckender Kultur, Geschichte und Tradition.

Für mich persönlich war natürlich auch der Einblick in ein mir völlig unbekanntes berufliches Umfeld von besonderem Interesse. Da ich das in der 11. Klasse übliche Praktikum wegen eines Auslandsaufenthalts verpasst hatte, war das Praktikum in der AHK außerdem meine erste Erfahrung in dieser Richtung, und so habe ich interessante Eindrücke vom Arbeitsalltag in einem internationalen Unternehmen erhalten.

In jedem Fall waren diese zwei Wochen im Iran eine sehr lohnende Zeit für mich, von der ich mit jeder Menge iranischer Süßigkeiten und bleibenden Erinnerungen nach Deutschland zurückgekehrt bin.

Göttingen, im November 2009 (Fotos: Laura Olmos, Monika Kleineberg)