Praktikum 2010

Beginn/Dauer: 1. - 17. Oktober 2010
Ort: Teheran
Unterbringung: privat (Gasteltern sprechen Englisch)
Kenntnisse: Englisch
Anforderungen: Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit, Freundlichkeit sowie Offenheit gegenüber der anderen Kultur und den Menschen und Mitarbeitern, Bereitschaft sich auf eine uns fremde Kultur und Lebensgewohnheiten einlassen zu können, kleine Recherchen für das Projekt durchführen.
Gültiger Reisepass
Alter: Mindestalter 16 Jahre (Jg. 10/11)
Eigenleistung: max. 200 €
Taschengeld: max. 200 €
Praktikumsstelle: Consulting Engineer Office
Zeugnis: wird erstellt
Freizeit: Kennen lernen des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens an den Praktikumsorten -sicherlich auch anderer historischer Stätten
Weitere Infos: in Göttingen: Monika Kleineberg, UNESCO-Koordinatorin
in Berlin: Manfred Grüter, Projektleiter Jugend im Dialog - Austausch der Kulturen, Internat der Königin-Luise-Stiftung, Haus im Park, Podbielskiallee 78, 14195 Berlin, Tel: 030-84181443 / 444
Bewerbung bis: Für das HG stehen zwei Plätze zur Verfügung. Die Bewerbung ist abgeschlossen.

Julians Bericht und Fotos aus Teheran und Isfahan

Ich denke man kann mir nicht vorwerfen, dass ich zuerst auch große Bedenken gegenüber einem Iran Aufenthalt hatte. Der Iran wird schließlich regelmäßig in den Medien diskreditiert, von der UN mit neuen Sanktionen belegt und dies nimmt zweifellos auch Einfluss auf die allgemeine Beurteilung eines Landes. Dementsprechend musste ich mir in der Schule anhören das ich ja Lebensmüde sei und ob ich das Verlangen verspüre mich „steinigen zu lassen“.

Meine eigenen Erwartungen sahen nicht ganz so düster aus, was daran liegen mag das ich den Berichten der Medien immer sehr kritisch gegenüber stand. Dennoch hatte sich auch bei mir ein Bild vom Iran entwickelt, dass das Land geistig im Mittelalter stecken geblieben war.

Zum Glück wurden meine Befürchtungen gegenüber den iranischen Machtstrukturen durch das Vortreffen in der Königin Luise Stiftung in Berlin am 12.09.2010 relativiert, da uns ein interessanter erster Einblick über das Land, aber vor allem auch über die dort lebenden und arbeitenden Menschen gegeben wurde.

Doch nun zu meinem Bericht.

Der Flug war entgegen meinen Erwartungen angenehm wozu auch das leckere iranische Essen beitrug. Wir konnten zwar die Lautsprecherdurchsagen auch auf Englisch nicht verstehen, da aber plötzlich alle Frauen ihre Kopftücher aufsetzten wurde uns klar, dass wir jetzt landen würden. Gegen zwölf Uhr Teheraner Zeit kamen wir am Internationalen Flughafen Teheran an. Nach einem kurzen „Kuddelmuddel“ an der Gepäckausgabe und dem Umtausch von 150 Euro in 2.008.000 Rial trafen wir nach einer letzten Gepäckkontrolle auf unsere Gastfamilie. Wegen der späten Stunde holte uns aber nur unser Gastvater Aref Lariei ab. Die Fahrt in den Norden Teherans dauerte eine halbe Stunde, in der wir unseren Gastvater schon mal ein bisschen ausfragen und kennen lernen konnten.

Nach einer recht kurzen Nacht erklärte uns Aref dann etwas über seine Firma und was unsere Aufgabe dort sei. Aref ist Inhaber der Firma „Control Negar“, die über Industrieprodukte von deutschen, österreichischen, dänischen und britischen Firmen informiert und diese Industrietechnik dann auch im Iran verkauft. Unsere Aufgabe würde erst einmal sein, uns im Internet über die Firma und ihren Sinn genauer zu informieren.

Unsere Recherche wurde dann unterbrochen, als Frau Menzel und Herr Grüter uns besuchten und mit uns und Herrn Lariei zu einem traditionellen Restaurant fuhren.

Dort erfuhren wir dann auch, dass wir am nächsten Morgen um 5 Uhr aufzustehen haben und mit Herrn Lariei und einem Arbeitskollegen von ihm nach Hamedan fahren würden. Aref hatte dort einen geschäftlichen Termin, zu dem er uns auch mitnahm. Wir erlebten ein äußerst vitales Gespräch auf Farsi, konnten jedoch manchmal schon an der Mimik und der Tonlage der Gesprächspartner erkennen, in welche Richtung diskutiert wurde. Leider erlebten wir nur dieses eine mal ein solches Meeting, denn die anderen Arbeitstage hatten immer einen relativ gleichen Ablauf. Dies war jedoch keineswegs langweilig, denn wir erfuhren eine Menge über die iranischen Wirtschafts- und Handelswege. Unsere Arbeitskollegen waren immer gleich zur Stelle, wenn wir ein Problem mit dem iranischen Internet hatten und waren auch sonst sehr freundlich und hilfsbereit uns gegenüber, sodass wir am Ende gar nicht wussten, wie wir es ihnen danken sollten.

Dieses Praktikum war auf jeden Fall ein interessanter und bereichernder Aspekt unseres Iran Aufenthaltes.

Doch nun zurück nach Hamedan, denn in dieser Stadt hatten wir nicht nur das besagte Geschäftstreffen, sondern auch unseren ersten Einblick in die Geschichte Persiens. Hamedan ist eine der ältesten iranischen Städte und deshalb archäologisch gesehen sehr interessant. Wir haben uns aber nicht nur alte Ausgrabungsstädten angeguckt, die zum Teil mehr als viertausend Jahre alt sind, sondern auch die berühmten Ganjnameh Schrifttafeln.

Nach diesen ganzen Ereignissen war aber immer noch Zeit, die Ali Sadr Höhlen nördlich von Hamedan zu besichtigen. Diese Höhlen sind die zweitgrößten, bekannten Höhlen der Welt, und man befährt sie einen Teil von ihnen mit kleinen Booten, von denen man einen hervorragenden Einblick in sonst nicht zugängliche Welten erlebt. Sie sind somit ein wichtiger touristischer Anziehungspunkt nicht nur für die iranische Bevölkerung.

Wenn wir nicht arbeiten waren, haben wir meistens etwas mit Arefs Familie und deren Freunden unternommen. Aref hatte offenbar Sorge, dass uns langweilig werden könnte und so organisierte er für fast jeden Tag etwas, dass Spaß machte. Wir waren Cart fahren, Bowlen, Painball und Tontauben schießen, Billiarde spielen und einiges mehr. Jedoch sollte man nicht glauben, dass Aref uns nur unterhalten wollte, denn wir besuchten natürlich auch Kulturstätten und interessante Orte im heutigen Teheran.

Mit Kulturstätten meine ich zum Beispiel das Nationalmuseum, welches sehr anschaulich und interessant über die prähistorische Geschichte Irans informiert. Zu diesen Kulturstätten gehört natürlich auch der Golestan Palast-Komplex, er wurde seit dem 18. Jahrhundert immer weiter ausgebaut und beherbergt neben vielen iranischen Kunstwerken auch viele weitere Museen. Den Sommerpalast des letzten Schahs haben wir natürlich auch besichtigt, und einen guten Einblick in diese prägende Epoche bekommen. Der Asadi Tower und der Basar waren natürlich auch mit in unserem Programm. Das Highlight dieser Sightseeing Touren war das Kronjuwelenmuseum. Wer jemals nach Teheran fliegt sollte sich die Herrlichkeit und atemberaubende Schönheit der dort ausgestellten Kunstwerke nicht entgehen lassen.

Ebenfalls spannend waren die Besuche in drei privaten Schulen, einer Grundschule einer Mittelschule und einer Hochschule. Wir haben private Schulen besucht, da laut Aussage unserer iranischen Freunde die öffentlichen Schulen sehr schlecht ausgestattet und von den Regierungsinstitutionen stark beeinflusst werden. Jede dieser Privatschulen haben wir ausgiebig besichtigt und mit Lehrern und den Schülern gesprochen. Dabei ist uns aufgefallen, dass alle Schulen auf Naturwissenschaften und insbesondere auf Technik ausgerichtet sind.

Besonders interessant war natürlich der Besuch in der Highschool, da die Schüler dort in unserem Alter waren und sehr gut Englisch sprachen. Mit einigen dieser Schüler sind wir auch jetzt noch übers Internet in Kontakt.

Sehr aufschlussreich und geistig bereichernd waren meiner Meinung nach insbesondere die Gespräche mit Jugendlichen in unserem Alter, meist in „Tea Shops“ bei einer Wasserpfeife sitzend und diskutierend. Die Jugendlichen erzählten uns viel über ihr Leben und was sie im Iran tun dürften und was nicht, und erzählten uns detailliert über die große Demonstrationsbewegung nach den Wahlen 2009. Hierbei traten natürlich auch sehr unangenehme Seiten des heutigen Iran zu Tage, da es Folterungen und Hinrichtungen von Demonstranten gab, was im Westen berechtigterweise zu starker Empörung und Protesten führte.

Egal ob wir uns nun mit Jugendlichen, Studenten oder auch Ärzten unterhielten, wir kamen letztendlich immer auf das Thema Politik zu sprechen. Nahezu jeder, mit dem wir uns unterhielten, lehnte das herrschende Theokratische Regime ab und verurteilte es, weil viele für uns selbstverständliche Freiheiten unterbunden werden.

Hier offenbarte sich für uns ein großes Paradoxum zwischen Bevölkerung und Regierung.

Fairerweise muss ich jedoch hinzufügen, dass wir uns hauptsächlich nur mit sehr liberalen und westlich orientierten Iranern haben unterhalten können. Gespräche mit Iranerinnen in der Öffentlichkeit waren kaum möglich, da dies zu negativen Konsequenzen für die Frauen hätte führen können.

Der Abschied von unserer Gastfamilie Lariei fiel uns am Ende unseres Teheranaufenthalts sehr schwer.

Wir hatten schließlich zusammen gefeiert, geschossen und geredet und es hat immer viel Spaß gemacht. Arefs kleiner Sohn konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Wir erreichten nach sechsstündiger Autofahrt schließlich Isfahan und fielen kaputt in unsere Hotelbetten.

Am nächsten Morgen, nachdem wir ein wenig durch Isfahan geschlendert waren, fiel uns zunächst der krasse Unterschied zum Teheraner Stadtbild auf. Während Teheran, abgesehen vom Golestan Palast keine historischen Gebäude aufwies und auch sonst sehr einer westlichen Industriestadt glich, konnte man dies nicht von Isfahan mit seinem historische Basar, seinen Palästen und alten Moscheen behaupten. Wir waren entzückt von diesem wunderschönen Stadtbild. Hier sahen wir auch Touristen, die in Teheran nicht in Erscheinung traten.

Mit den Berlinern und einem Fremdenführer besichtigten wir die Paläste, Moscheen und eine armenische Kirche. Wir waren uns einig, dass dies ein schöner Abschluss für unsere Reise gewesen ist.

Den letzten Tag verbrachten wir mit einem Freund von Frau Menzel auf dessen Bauernhof. Wir machten iranisches Essen und der Bauer erzählte uns noch eine Menge über sein Land und die Leute. Die Verständigung war leicht. Er sprach fließend Deutsch, da er bis zu seinem zwölften Lebensjahr in Göttingen lebte. Wir ließen die Reise im wunderschönen Garten bei gutem Essen dieser ebenfalls sehr gastfreundlichen Familie ausklingen.

Am Abend brachte uns Frau Menzel dann zum Flughafen, von wo aus wir nach siebzehnstündiger Reise in Göttingen ankamen.

Erst als wir zurück in Deutschland waren, wurde uns bewusst, welch eine Erfahrung wir gemacht hatten. Wir werden die Iraner als sehr freundliches und offenes Volk in Erinnerung behalten, und ich habe auch das Gefühl, das diese großzügige Offenheit ein bisschen auf uns abgefärbt hat.

Unsere Medien verbreiten eine sehr einseitige Sicht über den Iran wegen der herrschenden Regierung. Dabei bleibt das Bild der übrigen iranischen Bevölkerung jedoch völlig unberücksichtigt.

Sollte ich je wieder die Möglichkeit bekommen in den Iran zu fahren, würde ich diese auf der Stelle nutzen, um meine Erfahrungen über dieses wunderbare Land und seine Leute zu vervollständigen.