Together we can make a change

Frankreich „Er-fahrung“

Hallo, ich heiße Svea Venus, bin 18 Jahre alt und besuche zur Zeit die 11. Klasse unserer Schule (Tutorium: Frau Auge). Nach meinem einjährigen Auslandsaufenthalt in Irland und bei meiner französischen Gastschwester in der Normandie habe ich begonnen mich verstärkt  für internationale Beziehungen und Geschichte zu interessieren. Insbesondere auf meiner Anreise per Fahrrad in die Normandie, vom ehemaligen Eisernen Vorhang, entlang von Soldatenfriedhöfen zweier Weltkriege bis zum Ausgangspunkt des D-Days, ist mir sehr deutlich geworden, dass diese Freundschaft auch 70 Jahre nach Kriegsende nicht selbstverständlich ist. Dadurch habe ich den Wunsch entwickelt, mich für ein friedlicheres Zusammenleben einzusetzen mit mehr Akzeptanz und Respekt füreinander.

Mit dem HG zum letzten Diktator Europas

Ein zweiwöchiger Schüleraustausch nach Weißrussland ließ mich unmittelbar den Wert von Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit erfahren, was uns in Europa so selbstverständlich erscheint. Aufgrund der deutschen Geschichte war es mir auf all meinen Reisen ein Anliegen, eine gute Botschafterin für mein Land zu sein.

Göttingen, Straßburg, Tokio

Durch meine ehrenamtlichen Tätigkeiten in der Gemeinde Gleichen wurde ich auf die Ausschreibungen des Deutschen Bundesjugendringes (DBJR) aufmerksam. So bewarb ich mich auf einen von vier Plätze für eine zehntägige Fahrt nach Japan, um dort auf Einladung des japanischen Außenministeriums, am G7-Jugendgipfel mitzuwirken und auf einen von 20 Plätzen zum European Youth Event (EYE) nach Straßburg.

Das Bewerbungsverfahren erfolgte beide Male ausschließlich schriftlich und bestand aus mehrseitigen Fragebögen. Zu meiner großen Freude erhielt ich Zusagen für beide Veranstaltungen.

Dekoration statt Delegation

Bald darauf nahm unsere Teamleiterin für den G7-Jugendgipfel, Jasmin Burgermeister, UN-Jugenddeligierte für nachhaltige Entwicklung, als Leiterin unserer Delegation Kontakt zu uns auf um mit uns Details für den Gipfel zu planen. In der folgenden Zeit arbeiteten wir uns intensiv in verschiedene Themen ein und referierten gegenseitig darüber in stundenlangen Telefonkonferenzen. In Japan sollte unsere Aufgabe darin bestehen, gemeinsam mit den anderen Delegationsteilnehmern aus den G7-Staaten (Frankreich, Italien, Großbritannien, USA, Kanada, Japan, Deutschland) Forderungen an die Staatschefs zu erarbeiten, die drei Wochen nach dem Juniorgipfel in Japan tagen. Der G7-Gipfel ist ein Format in dem sich die Regierungschefs wichtiger Industrienationen treffen, um dort u.a. über Themen, wie Umweltschutz, Weltwirtschaft und Menschenrechte zu verhandeln. Das Motto des diesjährigen Juniorgipfels lautete „the planet for the next generation - environment and a sustainable society“.

Als Gastgeberland hat Japan ein perfekt organisiertes Event mit vielen unterschiedlichen Erlebnissen und Aktivitäten geboten, die dazu beigetragen haben, unser Interesse für dieses vielfältige Land zu wecken und zu verstärken. Wir durften u.a. die tollsten Köstlichkeiten der japanischen Küche probieren, konnten alte Tempel und Dörfer besichtigen und uns wurden eindrückliche, aufwändige Aufführungen geboten. Besonders gelungen fanden wir auch die Idee der Gastgeber, uns den Aufenthalt in einer japanischen Gastfamilie zu ermöglichen.

Unsere Arbeit in Expertengruppen zu verschiedenen Themenschwerpunkten, darunter Geschlechtergleichheit, Bildung, Wirtschaft und Klimawandel fiel hingegen vergleichsweise kurz und oberflächlich aus. Zudem wurde das von uns erarbeitete Outcomedokument für die Regierungschefs noch von zwei Betreuern („facilitators“) und Regierungsmitarbeitern überarbeitet, ohne, dass die vorgenommenen Änderungen vor der Veröffentlichung mit uns abgesprochen wurden. Dieses Vorgehen hält die deutsche Delegation für absolut inakzeptabel und werten es als Geringschätzung unserer Arbeit.  

Attention Mr. Prime Minister

Das so rundgeschliffene, überarbeitete Dokument stellten wir verschiedenen japanischen Regierungsmitgliedern vor und überreichten es symbolisch Shinzo Abe, dem japanischen Premierminister, nach Abhaltung einer einminütigen Rede pro Delegation. Ein Gespräch darüber fand enttäuschenderweise nicht statt.

Spätestens jetzt wurde jedem klar, dass perfekte Organisation mit wenig individuellen Freiräumen gleichzeitig maximale Kontrolle bedeutete. Die Delegationen wurden zur Dekoration. Aus unseren Augen bleibt es fraglich, wie ernst die Jugendbeteiligung in Japan tatsächlich genommen wird und welche Bedeutung ihr zukommt. Einen fundierten Austausch bzw. Dialog über die bearbeiteten Themen mit dem Premier oder anderen politischen Entscheidungsträgern gab es nicht, anders als bei dem letzten G7-Jugendgipfel in Deutschland, auf dem sich Teilnehmer mit der Bundeskanzlerin austauschen konnten.

Die Erkenntnis, dass das Selbstverständnis von Jugendbeteiligung in der Politik noch kein einheitlich durchgesetztes Gut der G7-Staaten ist, verdeutlichte uns noch einmal, wie wichtig es ist, sich für weitere Partizipationsmöglichkeiten der Jugend stark zu machen, Jugendbeteiligung klar zu definieren und ihre Forderungen ernst zu nehmen, denn schließlich repräsentiert die Jugend ein Viertel der Weltbevölkerung. Es wird daran auch deutlich, wie wichtig der direkte Austausch mit anderen Jugendlichen ist. Auf diese Weise können gute, nachhaltige und zukunftsweisende Ideen und Anregungen weitergegeben werden und für Veränderung und Entwicklung sorgen, denn in dem, was wir mit den anderen Delegationsteilnehmern und auch unseren Gastgeschwistern besprachen waren wir tatsächlich völlig frei! Letztlich halte ich die Begegnung und den wechselseitigen Austausch für einen wichtigen Aspekt einer langfristigen Friedenssicherung. Meine Überzeugung ist: es gibt keine Freundschaften zwischen Staaten, sondern nur zwischen Menschen.

Auch haben wir unsere Kritik schon weiter gegeben, u.a. an die deutsche Botschaft in Japan. Jasmin, unsere Begleiterin wird als UN Jugenddelegierte auch in Zukunft die mangelnde Einflussnahme der Jugenddelegationen bei den Vereinten Nationen offen äußern, schließlich ist eine nachhaltige Entwicklung in vielen Bereichen gerade für die jüngeren Generationen entscheidend.

European Youth Event: reingekommen - rausgeflogen

Zwei Wochen nach meiner Rückkehr aus Japan fuhr ich gemeinsam mit Jon Klockow, welcher auch Teil der deutschen Delegation beim G7-Juniorgipfel war, und 13 weiteren Jugendlichen aus Deutschland zum European Youth Event nach Straßburg. Unter dem Motto „together we can make a change“ wurden 8000 Jugendliche aus Europa eingeladen, um gemeinsam an verschiedenen Workshops im europäischen Parlament teil zu nehmen und über aktuelle Problematiken zu diskutieren. Ich habe mit vielen Jugendlichen aus verschiedenen Ländern Europas diskutiert und einige unserer Forderungen werden sogar an die europäische Regierung weiter gereicht.

Lobbys und Konzerne haben TTIP gerne: Demokratieabbau im ganzen Land, Leute leistet Widerstand!“

Gerade in aktuellen Krisenzeiten ist es notwendig und lohnend, dass sich junge Menschen politisch engagieren, für gemeinschaftliche Interessen kämpfen und versuchen sich Gehör in der Politik und Gesellschaft zu verschaffen. Zudem ist es fast nirgendwo sonst auf der Welt so ungefährlich seine Meinungen lautstark zu äußern. Aus aktuellem Anlass war es Jon und mir ein wichtiges Anliegen, davon noch einmal Gebrauch zu machen: auf der Abschlussveranstaltung, bei der viele Parlamentarier anwesend waren, darunter auch die Vizepräsidentin des EU-Parlaments ließen wir von einer Empore oberhalb der EU-Flagge im Plenarsaal ein auf die schnelle selbstgebasteltes Banner, mit der Aufschrift „Stop TTIP“ herab. Diese Aktion löste bei einigen der Versammelten Zustimmung und Applaus, bei den herbeieilenden Sicherheitskräften jedoch Nervosität aus. Nach kurzer Diskussion wurden wir aus dem Plenarsaal gebracht und von mehreren Sicherheitsleuten befragt. Nachdem unsere Personalien aufgenommen wurden fragten wir nach dem weiteren Vorgehen, diese Frage blieb aber unbeantwortet. Stattdessen wurden wir ohne weitere Aussage aus dem Gebäude begleitet. Dennoch waren wir mit dieser spontanen Aktion zufrieden, Konsequenzen fürchten wir nicht.

"The world should play by the rules made by the USA"

Das Vertragswerk zum Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) wird jetzt aktuell unter großem Zeitdruck verhandelt. Dieses Freihandelsabkommen ist dazu geeignet in sehr viele unserer Lebensbereiche einzugreifen. Vor allem Großkonzerne haben erhebliches Interesse an dem Vertrag. Sie möchten schon im Vorfeld Handelshemmnisse (wie z.B. geplante Gesetzte zum Verbraucherschutz) verhindern und stellen somit eine ernsthafte Bedrohung für unsere Demokratie und unsere Qualitätsstandards dar. Sollten die Amerikaner sich mit ihren Verhandlungspositionen durchsetzen, sind Klagen von Firmen gegen den Staat möglich, in denen durch „Handelshemmnisse“ entgangene Einnahmen eingeklagt werden können. Diese Prozesse sollen vor undurchsichtigen Schiedsgerichten stattfinden, die im Geheimen tagen. Trotz der Brisanz des Themas muss man leider feststellen, dass sich viele Menschen noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben. Demokratie kann nur mit informierten und interessierten Bürgern funktionieren.

Ich würde mich freuen, wenn ich euch auf die Wichtigkeit von globaler Politik aufmerksam gemacht, und euer Interesse daran geweckt habe. (25. Mai 2016)

Links

Deutsche Delegation in der Botschaft in Tokio
Deutsche Delegation mit Begleiterin
Deutsche Delegation mit japanischem Premierminister

 

 

EYE, Europaparlament in Straßburg
Im Plenarsaal
Im Europaparlament, Jon und Svea
Zwischenstop Paris
Soldatenfriedhof in Belgien
TTIP - Plakat