Die „Stillen Hunde“ spielen Büchners „Dantons Tod“ in der Aula des Hainberg Gymnasiums

Als der „Faust“ vor ein paar Jahren auf dem Lehrplan des Zentralabiturs in Deutsch stand, beförderten sie unser Verständnis der vielschichtigen Figur des „Dr. Faustus“ von Goethe. Am 2.3.17 ging es in der Aula wieder um einen abiturrelevanten Text: Büchners Drama „Dantons Tod“.

Christoph Huber, Stefan Dehler und Maja Müller-Bula, die drei „Stillen Hunde“, sind einfach gut, wenn es darum geht, komplexe Dramen verständlich komprimiert auf die Bühne zu bringen. Am 2.3. stellten sie dieses erneut unter Beweis: „Dantons Tod“, 1835 von Georg Büchner verfasst, ist ein sperriges Drama, ernst, wortreich, textlastig, handlungsarm.  Das macht es seinen (schulischen) Lesern nicht leicht, die wesentliche Aussage Büchners herauszufinden: Ist die Durchsetzung edler Ziele, wie die einer tugendhaften und am Ideal der Gleichheit aller orientierten Gesellschaft, moralisch zu rechtfertigen, wenn sie gewaltsam geschieht und Menschenleben fordert?

Auch wenn die historische Vorlage für das Stück, die Französische Revolution, aus dem Geschichtsunterricht bekannt sein dürfte, ist es aus heutiger Sicht mühsam, Büchners vielen, sprachlich komplexen, inhaltlich immer wieder um die gleichen Themen des Menschseins kreisenden Reden und Dialoge seiner Protagonisten Danton und Robespierre bis hin zum Tod Dantons zu folgen.

Den drei „Stillen Hunden“ gelingt das durch Reduktion: zum einen durch ein beeindruckend einfaches Bühnenbild. Es ist so angelegt, dass die Schauspieler den langen Dialogen und Monologen Büchners auf einer Art „Laufsteg“ Bewegung und Ausdruck verleihen. Ein roter Vorhang bildet zugleich Umkleide und kontrastreichen Hintergrund zu der sich auf dem Laufsteg abspielenden Handlung:  interessante Schattenbilder der agierenden Schauspieler unterstreichen die inhaltliche<s> </s>Dramatik. Das grausame Szenario wird auf der rechten Seite des Laufstegs durch einen Vorhang aus Ketten (den inneren der eigenen Denk-und Seinsweise der Figuren oder den äußeren der politischen Verhältnisse?) betont.  Kluge Kürzungen und die Segmentierung der im Original 32 Szenen in 4 Akten umfassenden Handlung in überschaubare Handlungsabschnitte, deren Inhalte jeweils von einer Art „Erzähler“ angekündigt werden, helfen den Zuschauern zum besseren Verständnis. Danton und Robespierre, die beiden zentralen Charaktere und ihre „Themen“ werden von Christoph Huber und Stefan Dehler eindrücklich gespielt.

Huber zeigt Danton, der seine eigene brutale Vorgehensweise bei den „Septembermorden“ nachträglich bereut. Versuche der (Selbst-)Rechtfertigung wollen ihm nicht so recht gelingen: Menschenleben zu opfern, weil die Sache es notwendig machte, ist gut??? Zweifel sind ihm nach seinem brutalen Vorgehen gekommen und in der Gegenwart der Handlung scheint eine Mischung aus Fatalismus, Atheismus und Verzweiflung aufgrund des nicht enden wollenden Blutgemetzels der Guillotine ihn fast zu übermannen. Huber lässt uns aber gleichzeitig den Epikureer in Danton erleben. Man glaubt ihm die Haltung des „carpe diem“, wenn er „betrunken“ auf dem Laufsteg herumtorkelt und kaum die Stufen herauf findet genauso wie die resignierend vorgetragene Langeweile am Leben, die ihn letztlich zu der Einsicht führt, dass fortgesetztes Morden um einer guten Sache willen sinnlos sei. Den eigenen Tod nimmt er fast billigend hin. Er flieht nicht und wehrt sich nicht.

 

Stephan Dehler versteht es, uns den vordergründig sehr kühlen Rhetoriker Robespierre nahezubringen, für den Moral und Tugend die höchsten zu verwirklichenden Ziele sind. Für deren Durchsetzung geht er „über Leichen“. Obwohl (oder weil) er Danton verachtet, fühlt Robespierre sich von dessen Dasein bedroht, wittert dessen Konkurrenz. Deshalb „muss er weg“, beschließt er im Eingangsmonolog. Dehler stattet seine Figur mit klarer „antithetischer“ Gestik und Mimik aus, es gibt die Bösen auf der einen Seite des Lebens, diese müssen vernichtet werden, und die Guten, zu denen er gehört, auf der anderen. Seine Stimme vermag Dehler so zu modulieren, dass deutlich wird, wie überaus zornig er auf alle ist, die sich ihm und seiner Sache in den Weg stellen: trotz äußerlicher Beherrschtheit fühlt man, wenn er mit sich überschlagender Stimme moralische Verderbtheit und Tugendhaftigkeit gegeneinanderhält, dass der Hass auf alle Andersdenkenden sich immer mehr auf Danton konzentriert und die Schlinge um dessen Hals sich immer enger zuzieht. Dabei lassen sich seine Schergen von dem „Machtrausch“ anstecken. Dehler und Huber wechseln dazu schnell in die Rollen sich anbiedernder Helfer wie St. Just<s>e</s> an der Seite Robespierres oder eines weinerlichen Camille an der Seite Dantons.  

Maja Müller-Bula spielt die weiblichen Rollen der Julie, Ehefrau Dantons, und der Lucille, Lebensgefährtin Camilles „auf Augenhöhe“ mit den Männern. Dass einzig die Liebe trägt und Julie (und auch Lucille) deshalb freiwillig, und wie es scheint ohne Furcht mit dem Gifttod aus dem Leben scheidet, als die Hinrichtung Dantons beschlossene Sache ist, lässt fast den Schrecken des Todes vergessen. Sollte die Liebe als alles Geschichtliche überdauernde Kraft zu deuten sein?  

Am Ende ist jedenfalls deutlich: „Die Revolution frisst ihre Kinder“: Robespierre ist ohne Liebe und nach der Beseitigung seines Gegners noch einsamer, als er es ohnehin war. „Ich bin allein – sie gehen alle von mir“, sagt er. Innerhalb der Zeitläufte werden seine revolutionären Vorstellungen marginaler erscheinen – es kommen andere nach ihm, so die abschließenden Bemerkungen des Erzählers. Dantons fatalistisch-resignative Sicht trägt zugleich heroischen Charakter: „Meine Wohnung ist bald im Nichts und mein Name im Pantheon der Geschichte.“

Büchners Drama zu spielen, ist auch für die „Stillen Hunde“ eine schwierige Herausforderung, aber sie gelingt überzeugend.

Im schriftlichen Abitur2017 im Fach Deutsch werden sich Schülerinnen und Schüler des Jg. 12 möglicherweise Aufgabenstellungen im Zusammenhang mit Büchners Drama stellen müssen. Die Aufführung der „Stillen Hunde“ war eine gelungene Auffrischung des Stoffes zur rechten Zeit., sodass sich aufmerksame Zuschauer dem kommenden Abitur durchaus besser gewappnet stellen können. Ein Dank geht daher noch einmal an die „Stillen Hunde“ und auch an die Kollegin Sarah van Rossmalen, die im HG für die umfängliche Organisation der Aufführung gesorgt hat.

 

Sabine Wiggert 3.3.17 (Text und Fotos)