Zeitzeugenprojekt mit Weißrussland

"Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden."  - Als UNESCO-Projektschule ist das Hainberg-Gymnasium dieser in der Präambel der UNESCO-Verfassung formulierten Leitidee von 1945 in besonderer Weise verpflichtet.

Um langfristig Frieden zu schaffen, ist es wichtig, dass schon Jugendliche andere Länder und Kulturen kennenlernen und den Menschen dort begegnen. Unter den zahlreichen Austauschprogrammen des Hainberg-Gymnasiums besteht der Austausch mit Molodetschno in Weißrussland seit 21 Jahren.

Aber auch die Erinnerung an die Vergangenheit ist unentbehrlich, nicht nur um der Opfer zu gedenken, sondern um aus den Verfehlungen zu lernen und nationalistischen und fremdenfeindlichen Gedanken in der Gegenwart entschieden entgegenzutreten. Im Sinne dieser „Holocaust-Education“ – auch ein wichtiger UNESCO-Gedanke - gibt es am Hainberg-Gymnasium immer wieder Raum zur Erinnerung und insbesondere für Gespräche und Projekte mit Überlebenden des Holocaust.

Auch Weißrussland war Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges. Im März 1944 sperrte die Wehrmacht auf ihrem Rückzug nahe des Dorfes Ozarichi fast 50.000 Zivilisten, vor allem Frauen, Kinder und alte Menschen, hinter Stacheldrahtzäunen ein. Sie waren bei Temperaturen um den Gefrierpunkt unter unmenschlichen Bedingungen und ohne Nahrung und Wasser in den Sumpfgebieten eingeschlossen. Krankheiten wie Fleckfieber breiteten sich aus, immer wieder wurde geschossen. Innerhalb einer Woche starben annähernd 9.000 Menschen.

Sieben Frauen und Männer, die als Kinder dieses Lager überlebt haben, besuchten im Juni 2016 das Hainberg-Gymnasium, um über die Kriegsverbrechen in Ozarichi und ihr Leben danach zu berichten und mit Schülerinnen und Schülern zu sprechen. Die Geschichtskurse der Oberstufe und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Weißrussland-Austausches nahmen an diesen ersten Zeitzeugengesprächen teil. Diese Begegnung war möglich, da das Maximilian-Kolbe-Werk die Überlebenden nach Duderstadt eingeladen hatte, ein ehemaliger Kollege der IGS, Wilhelm Behrendt, den Kontakt vermittelte und Betreuer und Übersetzer halfen, die sprachlichen Hürden zu überwinden. Die Schülerinnen und Schüler, die im Unterricht auch mit Hilfe einer Filmdokumentation der Universität Aachen auf das Thema vorbereitet worden waren, waren nach dem Gespräch von der Offenheit beeindruckt, mit der die Zeitzeugen ihnen begegneten.

Im September 2016 kam es in Weißrussland zu einem erneuten Treffen mit einer der Überlebenden: Tamara Bytschok

http://www.hainberg-gymnasium.de/auslandskontakte/weissrussland/austausch-bisher/austausch-201617/

Am 18.August 2017 konnte ein weiterer Jahrgang von Schülerinnen und Schülern des Hainberg-Gymnasiums mit einer anderen Gruppe Überlebender aus Ozarichi ins Gespräch kommen. Dies verlief in einer Stimmung der Traurigkeit und Erschütterung über das Berichtete, aber auch der gegenseitigen Wertschätzung: Geschenke wurden ausgetauscht und mitgebrachter selbstgebackener Kuchen gemeinsam gegessen. Im Anschluss daran kam Superintendent Friedrich Selter in die Inge-Feltrinelli-Bücherei des HG, um den Überlebenden dort zu begegnen.

Der Gesprächsfaden wurde im September 2017 wieder in dem Land aufgenommen, in dem Deutsche im Nationalsozialismus die Verbrechen begangen hatten: Die Weißrussland-Austauschgruppe traf in Molodetschno drei Zeitzeuginnen zum Gespräch.

Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erleben, dass eine neue Generation erwachsen wird, die die Verbrechen der Vergangenheit nicht vergessen will, und die Schülerinnen und Schüler erfahren, wie schrecklich diese Verbrechen für jeden Einzelnen waren, ohne dass ihnen Schuld daran gegeben wird. Deshalb kann diese Erinnerungskultur auch dazu beitragen, Verständigung und Versöhnung im Sinne einer gemeinsamen friedlichen Zukunft zu fördern.

Sybille Schröder