Unsterblichkeit Zweiter Themenabend „Gedankensprünge“ 2018

der Fachgruppen
 Philosophie, Religion und Werte-Normen am 8.2.18 in der HG-Aula

„Forever young“ - die Vorstellung, die Schrecken des Alterns und des Todes mithilfe der modernen Naturwissenschaften besiegen zu können, scheint eine vordergründig verlockende Perspektive auf die Zukunft.

Die Fachgruppen Philosophie, Religion und Werte-Normen luden am 8.2.2018 zu einer weiteren Abendveranstaltung der Reihe „Gedankensprünge“ ein und gaben den beiden Oberstufenjahrgängen damit Gelegenheit, sich mit Hilfe zweier versierter Referenten mit dem Thema „Unsterblichkeit“ auseinanderzusetzen.

Der erste Referent, Dr. Jürgen Hädrich von der Uni Heidelberg, gibt in seinem Vortrag einen Überblick über das Forschungsgebiet, das vor allem in den USA, und hier besonders im reichen Kalifornien, Wissenschaftler und Forscher fasziniert. Erstaunliches hat man erforscht: Zum Beispiel verjüngen sich ältere Mäuse, wenn man sie (durch Aneinandernähen) mit dem Blutkreislauf jüngerer vereint. Von zahlreichen anderen gegenwärtigen Forschungsansätzen der „Todesverneinung“ berichtet der Kulturanthropologe. Der spektakulärste ist vielleicht die „Kryonik“: sich nach dem Tod einfrieren zu lassen und in diesem Zustand sozusagen auf „eine bessere Zukunft zu warten“, in der man das Leiden, an dem man einmal starb, beseitigen kann. Allerdings: man ist ja tot; niemand hat sich bislang bei lebendigem Leib auf minus 160 Grad herunterkühlen und sein Blut durch flüssigen Stickstoff ersetzen lassen. Und wie die per Vertrag beschlossene „Auferweckung“ dann, vielleicht in einer zeitlichen Distanz von vielen Jahrzehnten oder Jahrhunderten, geschehen soll, ist nur eines der bislang nicht gelösten Probleme. Hädrich zeigt sich optimistisch, was die Möglichkeiten der Minimierung von Krankheit und alterungsbedingten Leiden und die medikamentöse „Verjüngung“ angeht, aber er macht auch seine Zweifel deutlich, ob die Konsequenzen in einer „Gesellschaft der 500jährigen“ nur positiv wären. 
Der zweite Referent des Abends, der Theologe Reiner Anselm von der Uni München, entfaltet in acht Thesen, welche neuen Dimensionen die im Neuen Testament dargestellte Auferstehung Jesu in die bis dahin tradierte Vorstellung von einem Leben nach dem Tod bringt. Anselm definiert den Menschen als durch die Sterblichkeit von Gott unterschiedenes Wesen. Menschliches Leben sieht Anselm durch drei Komponenten determiniert: aus dem Lebensweg ergeben sich Erfahrungen, damit dessen Verankerung in der Vergangenheit und eine Festlegung auf den gegenwärtigen Lebensweg; die Zukunft, religiös mit dem Begriff „Auferstehung“ beschrieben, sei als etwas völlig Neues zu begreifen. Die drei Dimensionen seien für die Identitätsbildung wesentlich, sagt Anselm. Eine permanente Verjüngung von Körper und Geist hält er deshalb für nicht erstrebenswert. Seine These: „Wer nicht altert, bleibt radikal in der Gegenwart und hat dann auch keine Zukunft: Er bleibt festgelegt auf das, was gerade ist.“ Durch die biblische Auferstehungsvorstellung erhalte das Leben des Menschen einen über den Tod hinaus gehenden, neuen Sinn; es sei die Freiheit eines Neuanfangs in einer Zukunft, die wir nicht kennen, so Anselm.
Die Fragen aus dem Publikum und die Diskussion mit den beiden Referenten und zwei gut vorbereiteten, versierten Moderatoren auf der Bühne, der Oberstufenschülerin Sarah Berkemeier und Tizian Schmidt, ebenfalls Schüler des 12. Jahrgangs, beleuchten weitere Facetten der „Unsterblichkeitsphantasien“: z.B. die schwierigen Seiten einer 500jährigen Lebensspanne. Den „Unsympathen“ im Philosophie - Kurs z.B. müsste man möglicherweise viel länger ertragen als heute - das wäre genauso wenig attraktiv wie die Monotonie eines durch immer gleiche Erfahrungen geprägten, ereignislosen Lebens. Auch an Folgeprobleme sei zu denken: Überbevölkerung, massive soziale Diskrepanzen zwischen denen, die sich das ewige Jungsein finanziell leisten können und deshalb vermutlich ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis verspüren - und denen, die keinen Zugang dazu haben und neidvoll darauf spähen, provoziere möglicherweise scharfe Konflikte.

Eine dauerhafte oder phasenweise Verjüngung oder eine Lebensspanne von 500 Jahren wird insgesamt skeptisch beurteilt. Hädrich verweist abschließend darauf, dass die medizinisch-naturwissenschaftliche Fortschritts - Phantasien vielleicht Kopfgeburten der „Superreichen“ seien und Anselm macht immer wieder deutlich: unsere Sprache sei und bleibe ein Versuch, Bilder für das Unvorstellbare der Zukunft zu finden. Sie bleibe unscharf.

Das lässt sich zusammenfassend auch für das Thema „Unsterblichkeit“ sagen. Aber man kann gut gemeinsam darüber reflektieren - vielleicht auch, weil man jenseits der spekulativen Aspekte angeregt wird, in den bislang gegebenen Grenzen von Geburt und Tod über das eigene gelingende Leben neu nachzudenken?

Mit diesem zweiten Abend der Gesprächsreihe „Gedankensprünge“ haben die drei Fachgruppen Religion, Werte-Normen, Philosophie jedenfalls die Idee einer Kultur des gemeinsamen Nachdenkens am HG weiter etabliert. Hoffentlich wird diese mit weiteren spannenden Gedankensprüngen fortgesetzt.

Sabine Wiggert