„Ein Morgen vor Lampedusa“ Lesung von HG Schülerinnen und Schülern

Am 09.07.2015 um 10:00 Uhr (HG intern) und um 18:00 Uhr (öffentlich) werden Schüler_innen des HG in der Aula die szenische Lesung „Ein Morgen vor Lampedusa“ vortragen.

Vor Lampedusa kommt es immer wieder zu tragischen Unglücken, wenn überfüllte und nicht seetüchtige Boote mit Flüchtlingen in Not geraten. Am 03. Oktober 2013 ertranken so in einer Nacht mehr als 350 Kinder, Frauen und Männer.

Europa stellt sich nicht der Herausforderung, die Flüchtlinge zu empfangen und bringt damit nicht nur die Flüchtlinge selbst, sondern auch z.B. die Einwohner Lampedusas in eine schreckliche Situation. Sie sind es, die mit ihren Fischerbooten versuchen, die in Seenot geratenen Menschen zu retten und an Land zu bringen. Doch einige Fischer haben angesichts der rigiden italienischen und europäischen Flüchtlings- und Asylgesetzgebung nicht den Mut zu helfen. Wer Flüchtlinge vor dem Ertrinken rettet und an Land bringt, wird als Schlepper angeklagt … .

Die Menschen auf der Flucht vor politischer oder religiöser Verfolgung und wirtschaftlicher Misere treffen auf Menschen, die für mitmenschliches Handeln bestraft werden könnten.

Während die europäische Außengrenze undurchdringlicher denn je erscheint, verliert der Begriff „Opfer“ für die Lampedusaner an Kontur.

Die Lesung, verfasst von Antonio Umberto Riccò mit Musik von Francesco Impastato, bringt die Hörer_innen durch Augenzeugenberichte und Bilder mitten in dieses Dilemma und lädt dazu ein, sich mit den Ursachen und Folgen der Flüchtlingsbewegungen zu beschäftigen.

Wo ist Europa? Bericht von der Lesung

Am 03. Oktober 2013 sank vor der italienischen Insel Lampedusa ein vollbesetztes Boot mit ca. 500 Flüchtlingen aus Eritrea, Syrien, Äthiopien und Somalia an Bord. 366 von ihnen ertranken elendig, viele an Bord des Schiffes, manche nach Stunden im Meer. Fischer aus Lampedusa riskierten ihr Leben, um so viele Flüchtlinge zu retten wie möglich. Die italienische Küstenwache hingegen reagierte sehr zögerlich und wartete auf „Weisungen aus Rom“, obwohl sie von den Fischern zu Hilfe gerufen worden war und die Menschen um sie herum ertranken.

Nach der Katastrophe schien Bestürzung bei den Politikern in Europa zu herrschen. Mit gebeugten Köpfen standen sie vor den Särgen der Opfer. Doch Europas Antwort ist bis heute: Schweigen und Abwehr des Flüchtlingsstroms um jeden Preis. Im Oktober 2013 beschloss die italienische Regierung zwar die Aktion „Mare Nostrum“, mit der die italienische Marine im Laufe eines Jahres über 150 000 Schiffbrüchige aus dem Mittelmeer rettete. Aber hinter der Aktion stand nur Italien. Nachdem es die anderen europäischen Länder vergeblich gebeten hatte, sich an der Aktion zu beteiligen, wurde sie Ende Oktober 2014 beendet. Seitdem läuft die Operation „Triton“ der EU-Agentur Frontex. Ihre Priorität ist nicht die Rettung von Menschenleben, sondern die „Überwachung der EU-Außengrenzen, die auch über ein paar Kapazitäten zur Seenotrettung verfügt. Da sie finanziell und technisch schlechter ausgestattet ist als „Mare Nostrum“ und ihr Einsatzgebiet 30 Seemeilen vor der italienischen Küste endet, wird die Flucht über das Mittelmeer wieder zu einer tödlichen Reise. Allein in diesem Jahr sind tausende von Menschen ertrunken, bei dem Versuch, Gewalt, Verfolgung und Tod in ihren Heimatländern zu entgehen.

Schaffen es die Flüchtlinge nach Europa, gilt seit 2003  „Dublin II“, seit 2013 „Dublin III“. Kommen die Flüchtlinge ohne Visum, ist für ihren Asylantrag das Land zuständig, über das sie „einreisen“. Mit der Konsequenz, dass sie dorthin zurückgeschickt werden können, wenn sie in einem anderen europäischen Land auftauchen. EU-Staaten wie Malta, Bulgarien und Ungarn inhaftieren systematisch bei ihnen ankommende Flüchtlinge. In Italien oder Griechenland leben sie oft als Obdachlose auf der Straße, in Parks oder Abbruchhäusern. Sie müssen betteln und sind schutzlos Gewalt und rassistischen Angriffen ausgesetzt – und sind weiter auf der Flucht.

In zwei szenischen Lesungen am Donnerstag, den 09. Juli 2015, haben sich Schülerinnen und Schüler des Hainberg Gymnasiums mit dieser Problematik beschäftigt.

Leon Ahlborn, Leon Haselmeyer, Lisa Hübner, Emma Huy, Leonie Konrath, Helena Schubert, Nadine Schütte und Julia Schwarzmann lasen ausdrucksvoll und eindrücklich Augenzeugenberichte der Katastrophe vor Lampedusa im Oktober 2013. Dazu waren Bilder von Lampedusa zu sehen und eigens für die Lesung komponierte Musik zu hören. 60 Minuten lang war es mucksmäuschenstill in der Aula, während die LeserInnen aus der Sicht von Fischern, Flüchtlingen und Einwohnern von Lampedusa berichteten, wie sie den Tag der Katastrophe erlebt haben. Im Anschluss daran fand eine Gesprächsrunde statt, bei der die Situation in Deutschland und Göttingen im Vordergrund stand. Hier durften wir Mehmet Tugcu und Rahima Valena von der Ratsfraktion der Grünen begrüßen, Indira Khalikova vom Migrationszentrum, Claire Deery, Anwältin für Ausländerrecht und Mitglied im Integrationsrat und Luise Rist, Leiterin des „boat people project“. Besonders eindrücklich für die Anwesenden war jedoch die Begegnung mit Wasiullah Salarzai, Ali Rezai (beide aus Afghanistan), Goitom Kahsu, Dawit Teklehannes (beide aus Eritrea) und Abdiwahad Mohammed (Somalia), fünf der Schauspieler des „boat people projects“. Die 17-18-jährigen Jugendlichen, die alle erst seit kurzer Zeit in Deutschland leben, berichteten von ihren Gründen, ihre Familien und Heimatländer zu verlassen und auch von ihrem langen Weg nach Deutschland. Sie alle haben einen lebensgefährlichen Weg auf sich genommen, waren teilweise Jahre unterwegs, immer auf der Flucht  und in Angst, festgenommen, zurückgeschickt oder ermordet zu werden. Für alle Anwesenden war es eine berührende und nachdenklich machende Begegnung. Zitat einer Schülerin nach der Lesung: „Uns geht es so gut hier. Wir regen uns über doofe Kleinigkeiten auf und wissen gar nicht, wie gut es uns geht. Wir freuen uns immer, wenn wir einen Tag keine Schule haben. Und da sitzen Leute in unserem Alter mit so einer Geschichte, die alle sagen, wie froh sie sind, in Deutschland zu sein und hier endlich wieder in die Schule gehen zu dürfen. Hoffentlich erinnern wir uns noch lange daran.“

Die direkt an der Lesung beteiligten Jugendlichen hatten sich bereits am Mittwoch in einem kurzen Workshop kennen gelernt. Der Donnerstag endete für sie mit einem gemeinsam verbrachten Abend und viel Pizza. Jetzt gibt es eine Whatsapp-Gruppe und in zwei Wochen werden alle zu einem großen eritreischen Festessen eingeladen. Auch wenn, so sagte Goitom bedauernd, es nicht so schmecke wie bei Mama.